Treibgut – Lokalzeit

Während meines nun doch schon recht langen Projektes zum Thema Verzicht – ok in letzter Zeit war ich etwas nachlässig mit den Berichten – hat mich besonders das Buch „Analog ist das neue Bio“ von Andre Wilkens beeindruckt. Seine Ansätze zum entschleunigten, analogen Leben sprechen mir so richtig aus der Seele. Vielleicht bin ich auch deswegen im Moment mehr offline unterwegs. Sozusagen live und in Farbe.

Die zunehmende Digitalisierung raubt mir schlichtweg allzu oft den Atem. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ich fühle mich ständig getrieben, immer schneller und effizienter zu funktionieren, nur um überhaupt Schritt halten zu können. Andre Wilkens zieht da eine schöne Parallele zur industriellen Revolution und bezeichnet unser Zeitalter als das der digitalen Revolution – eine Revolution auf Speed, denn während die industrielle Revolution 200 Jahre dauerte, spielt sich die digitale in einem Zeitraum von 25-30 Jahren ab. Kein Wunder also, dass Verschnaufen nicht drin.

Wir sind auf dem besten Wege, eine Bildschirmgesellschaft zu werden. Mal schnell etwas googlen ersetzt das gute, alte Lexikon und wir verlassen uns zunehmend auf technische, digitale Instrumente statt auf unsere eigenen biologischen Fähigkeiten. Dabei sind wir den Rechnern dieser Welt haushoch überlegen. Kein Instrument kann echte Kreativität produzieren. Mitgefühl, Schönheit, Sinn, Chaos, Individualität, Überraschung und Unvollkommenheit, all das vereint sich in nur einem einzigen Menschen. Jeder für sich auf seine persönliche und einzigartige Weise. Kein Algorithmus kann es mit uns aufnehmen.

Doch mit jedem Klick generieren wir einen digitalen Fingerabdruck unserer Persönlichkeit. Wir werden berechenbarer. Und irgendwann weiß unser digitaler Sklave die Frage, noch bevor wir sie stellen. Dann ist es nicht mehr weit und nicht wir entscheiden, sondern werden entschieden und letztendlich zum automatisierten Konsumenten. Als Bezahlung dienen unsere persönlichen Daten, die wir den Monopolisten der digitalen Welt frei Haus liefern. Das hat, man möchte es kaum glauben, Apple-Chef Tim Cook 2014 sogar selbst bestätigt: „Wenn ein Online-Service kostenlos ist, bist Du nicht der Kunde. Du bist das Produkt.“

Schon jetzt sitzt der Durchschnittsmensch 6,5 Stunden pro Tag in gebückter Haltung vor einem Bildschirm und unser aktivstes Körperteil sind die Finger. Mit einem Klick treffen wir Entscheidungen, die wir im realen Hier und Jetzt vielleicht erst mal überdenken würden. Höchste Zeit also, sich nicht mehr immer und überall in die Karten schauen zu lassen. Querdenken ist bei mir angesagt. Weg vom Gaspedal. Schließlich beschleicht mich oft genug das Gefühl, das Leben rauscht an mir vorbei und meine Wünsche und Bedürfnisse bleiben auf der Strecke. Da bleibt dann nur den Stecker ziehen und sich mal treiben lassen. Ganz ohne digitalen Stress und auf den Taktschlag der inneren Uhr hören.

Klar, analog unterwegs zu sein, ist mitunter teurer: Ein handgeschriebener Brief kostet mehr als eine E-Mail, ein gedrucktes Buch ist teurer und schwerer als die E-Book-Ausgabe. Und ein persönliches Treffen kostet Geld und weitaus mehr Zeit als ein Chat über Facebook. Man muss es sich also leisten können, analog zu handeln. Dagegen nicht digital zu sein kann man sich nicht mehr leisten. Das kann jeder nur für sich entscheiden. Beim ICH anfangen. Ganz individuell.

Das funktioniert im Übrigen nicht mit einem Mausklick. „Soziale Veränderungen lassen sich nicht durch eine Fingerbewegung herbeiführen“ und „wenn Du etwas tun willst, benutze mehr als einen Finger“, sagt Andre Wilkens. Solche Entscheidungen kosten Energie. Aber wer das Gefühl hat, der Burnout wartet bereits an der nächsten Ecke, kann auch bestätigen, dass Disziplin eine große Rolle spielt. Wer von allem zu viel hat, der muss eine Wahl treffen. Wer ständig rennt, dem geht irgendwann die Puste aus. Manchmal kann man gewisse Strukturen alleine nicht ändern. Dann sollte man aussteigen, bevor der Druck stärker als man selbst ist, und der inneren Leere mit sozialen und persönlichen Zielen gegensteuern. Anspruch

Nur durch Verzicht lässt sich der Zeitdruck vermindern und ein Gleichgewicht wieder herstellen. „Es gibt Wichtigeres im Leben, als sein Tempo zu beschleunigen.“ (Ghandi)
 Mal sehen, ich denke, ich werde die Strömung nutzen und anlanden und zum Schluss noch eine Art Fazit schreiben. Also dann, action!

Eure Kerstin

2 Gedanken zu „Treibgut – Lokalzeit

  1. Ich halte weiterhin an dem Gedanken fest, dass es schön wäre, wenn wir das Gute der Digitalisierung nutzen, uns aber nicht vom Schlechte einfangen lassen.
    Ich mag es, bei einem Umzug keine Brockhaus-Serie oder Schallplatten mehr schleppen zu müssen, weil alles in der PC-Kiste digitalisiert ist.
    Wenn wir aber immer schneller und immer effizienter werden, sollten wir dann statt genauso lange zu arbeiten und unsere Effizienz zu steigern, nicht einfach weniger arbeiten? Ich wette, gerade die PC-Arbeiter schaffen heute in 8 Stunden etwa das doppelte, wenn nicht sogar dreifache eines normalen Büro-Arbeiters von 1950. Wieso also nicht endlich mal Stunden reduzieren und mehr Freizeit (ohne PC/Smartphone/was-auch-immer) haben?
    Sollten wir tatsächlich irgendwann einen Punkt erreichen, an dem Roboter unsere gesamte Arbeit erledigen können, werden wir vermutlich trotzdem 8 Stunden arbeiten, denn: mit Robotern ZUSAMMEN sind wir ja nur noch effizienter. Die Frage ist: wofür eigentlich? Oder für wen…

    • Liebe Roe, da sprichst Du mir aus der Seele. Die Taktung in der Arbeitswelt wird immer höher und ich sehe tagtäglich, wie krank das machen kann und frage mich immer wieder, wo das hinführen soll und wann der Punkt erreicht ist, an dem einfach nichts mehr geht. Liebe Grüße, Kerstin

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