Mein Freund, der Baum

Mal abgesehen von Büchern, empfinde ich Druckerzeugnisse als großes Ärgernis. Bei Zeitschriften kann man noch selbst entscheiden, welche man für bisweilen teures Geld kauft, aber bei allem, was so im hauseigenen Briefkasten landet, ist man oft ratlos. Fast könnte man meinen machtlos, weil Kataloge und Werbesendungen oft nur so herein flattern, aber man kann sich wehren und dem in Grenzen Einhalt gebieten.

Kurz vor Beginn meines Projektes Nachhaltigkeit im April habe ich angefangen, alle Kataloge zu sammeln. Ich kann nur sagen: Wahnsinn! Irre, was da zusammen kommt. Insgesamt fünfzehn Katalog in drei Monaten, teilweise drei Stück von einem Anbieter.

Werbung

Es ist absolut erstaunlich, mit welcher Hartnäckigkeit die Firmen versuchen, Begehrlichkeiten zu wecken. Nach dem Motto, irgendwann kauft sie schon was, senden fast alle unerschütterlich munter weiter ihre bunten Blätter. Eine Firma ist dabei, bei der hatte ich vor ca. 12 Jahren einen Wintermantel bestellt. Seitdem nichts mehr. Und trotzdem sind zwei Prospekte in der Post gewesen. Bei manchen ist meine Bestellung nicht ganz so lange her (das letzte Mal vor etwa zwei Jahren), aber ob mich drei Hefte innerhalb so kurzer Zeit wirklich animieren, doch mal wieder einzukaufen? Fraglich.

Andere wiederum sind darunter, bei denen habe ich noch nie bestellt, deren Angebote kriege ich trotzdem aber nicht zum ersten Mal. Wirklich erschreckend, wie hier mit Rohstoffen und Ressourcen umgegangen wird. Ich kann mir auch nicht wirklich vorstellen, dass sich das rechnet. Klar, die Kosten für Druck und Versand sind irgendwo in den Preisen mit drin, aber dennoch bin ich skeptisch.

Nun gehöre ich inzwischen wahrscheinlich eher nicht mehr zum Typ Otto-Normal-Verbraucher. Seit über einem Jahr werden keine Kleider mehr gekauft, wenn es nicht wirklich nötig ist – sprich Ersatz, wie ich ja schon in meinem Beitrag „Von der Pflicht zur Kür“ geschrieben hatte. Und Online-Shopping kommt im Grunde gar nicht mehr in die Tüte bzw. den Karton. Ausnahme sind der jugendliche Mitbewohner, dessen Wünsche teils schwierig zu lokalisieren sind und wenn es etwas tatsächlich nicht vor Ort gibt, wie zum Beispiel meine iPotsch Filzpantoffeln aus dem Schnalstal, die ich letzten Winter entdeckt habe.

Digital einkaufen finde ich auch eher langweilig. Keine Atmosphäre, kein Anfassen. Es hat etwas Steriles an sich. Und meist bin ich von den Paketinhalten auch oft enttäuscht, denn so schön wie im Katalog bzw. im Netz sehen die Sachen im rauen Licht der realen, nicht gephotoshopten Welt gar nicht aus. Ganz zu schweigen von der Qualität – besonders bei Kleidungsstücken. Dann heißt es, wieder einpacken und zurückschicken. Dann doch lieber im Geschäft anprobieren und gleich mitnehmen.

Noch dazu bin ich durch die Vielfalt und unzähligen Wahlmöglichkeiten im virtuellen Shoppingcenter auch gern mal schlichtweg überfordert. Man sucht, vergleicht und prüft und ehe man sich versieht, sind da schnell Stunden vergangen, ohne dass einem das bewusst ist. Da beschleicht mich dann auch unterschwellig das Gefühl, meine Zeit wahrhaft verschwendet zu haben.

Für mich liegt das physische vor Ort Einkaufen auf der Glücksskala weit vor der virtuellen Variante. „Analog einkaufen ist das Original. Online kaufen ist nur second-best.“, sagt Andre Wilkens. Und nun die Frage: Was bist Du?

Ich jedenfalls werde jetzt alle Anbieter anschreiben und bitten, meine Adresse aus dem Verteiler zu streichen. Kostet Zeit, soviel ist klar. Doch auf lange Sicht spare ich beim Verzicht: Weniger Ressourcenverschwendung, weniger Müll, der entsorgt werden muss und wer weiß, vielleicht auch weniger Konsum/Ausgaben, falls ich mich doch mal von dem einen oder anderen Angebot locken lassen sollte, weil es gerade so schön aussieht.

Gleichsam verfahre ich bereits bei jeglicher Infopost. Da steht nämlich unten immer so ein schöner Satz.

Infopost

Und das mache ich dann auch so, wobei ich immer noch nicht so ganz verstehe, warum man schriftlich widersprechen muss, wenn es vielleicht auch ein Anruf oder eine Mail tut. Aber das ist wahrscheinlich Masche, um auf die Bequemlichkeit der Menschen zu setzen. Wer schreibt denn noch Briefe heutzutage? Also, Geschäftsbriefe mit „Sehr geehrte Damen und Herren,…“. So auf richtigem Papier. Und mit Briefmarke.

Funktioniert auch bei virtuellem Müll, der ja ebenso Ressourcen kostet, denn wer glaubt, ein elektronischer Newsletter sei gratis, der betreibt seinen elektronischen Sklaven wahrscheinlich, indem er per Fahrrad für Strom sorgt und als Ausgleich für die Serverleistung Geld für Klimaprojekte spendet. Na ja, so in etwa jedenfalls. Ihr merkt schon, ich bin von unerwünschter Werbung jeglicher Art recht genervt, weil man viel schneller drin als wieder draußen ist. Von daher steht es wohl außer Frage, dass an meinem Briefkasten ein „Bitte keine Werbung“ klebt. Ja „bitte“, denn für ein Bitte ist immer Zeit.

Dazu noch ein schönes Zitat von Mahatma Gandhi: „Es gibt Wichtigeres im Leben, als sein Tempo zu beschleunigen“. Sehr richtig, denn was gibt es Schöneres, als am Ende einer Shoppingtour, entspannt unter einem Kastanienbaum im Biergarten zu sitzen? Richtig. Gleich hingehen und den gestressten Shoppingqueens und -kings mit ihren Tüten, die inzwischen erfreulicherweise überall etwas kosten, zu zuschauen und das Leben und die Freiheit zu genießen. In diesem Sinne: Prost! – und das geht auch mit ohne Alkohol.

Welchen luxuriösen Leidenschaften außer Biergartenbesuchen ohne Bier ich sonst noch fröne, darüber berichte ich beim nächsten Mal.

 

Also dann, action!
Eure Kerstin

P.S.: Der Titel ist sehr melancholisch und bezieht sich auf das Lied von Alexandra. Passt nicht so ganz zum Biergarten, aber irgendwie zum Thema und zum Wetter allemal.

8 Gedanken zu „Mein Freund, der Baum

  1. Hallo Kerstin!
    Du hast total Recht, diese Kataloge sind wirklich schrecklich. Online bekomme ich glücklicherweise gar nichts, aber im Briefkasten landet schon so einiges. Vielleicht sollte ich da auch mal hinschreiben, denn ich gucke da noch nicht einmal rein… Für mich hat dieses echte Einkaufen auch so etwas Entspannendes und Beruhigendes. Außerdem hasse ich es, stundenlang im Internet zu schauen, ob es dieses Teil nicht doch noch in besserer Qualität, schönerer Farbe oder ohne Versand gibt. NERVIG!
    Naja, von Läden in der Stadt kriegt man immerhin auch (meistens) keine Werbekataloge, also Doppelbonus.
    Liebe Grüße

  2. Gestern habe ich im Paket von einem Versand, der selbst schwer mit Öko und Bio und Nachhaltig wirbt, VIERZEHN Werbebeilagen gehabt. Ich werde bei so geballter und aggressiver Werbung schon deswegen nirgendwo Kunde, weil ich den ganzen Stapel ungelesen Richtung Papiertonne schicke, während ich nur eine oder zwei Broschüren vielleicht sogar durchblättern würde. Ich habe dann eine kurze Mail hingeschrieben, und gefragt, ob das denn sein muss und wie sich das mit der eigenen Firmen-Philosophie verträgt. Den Inhalt der Antwort, die ich heute im Posteingang gefunden habe, kannst Du Dir vermutlich ganz gut vorstellen. 😦

  3. Ist E-Mail nicht auch „schriftlich“? Müsste man versuchen. Bei zwölf Jahren frage ich mich, wieso die deine Daten so lange aufbewahren und ob sie das überhaupt dürfen.

    P.S. Die Texte von Alexandra sind schrecklich. Das Lied „Zigeunerjunge“ ist schwer nach „reim dich oder ich fress dich“ verfasst…

    • Guter Punkt, das mit dem Datenschutz – muss ich mir merken. Irgendwie tauschen die ja alle immer untereinander die Adressen, was ich noch viel ärgerlicher finde. So reißt der Strom nie ab. Jedenfalls habe ich nun alles abgestellt und nette Mails bekommen, dass man mich aus dem Verteiler nimmt. Mal sehen, wann meine Adresse das nächste Mal weiter verkauft wird.
      Ja, Alexandra ist eher so eine traumatische Kindheitserinnerung, wobei ihre Stimme an sich ja schön ist. Ich habe irgendwann mal einen Bericht gesehen, dass sie im Grunde gern andere Dinge gesungen hätte und das mit ein Grund war, warum sie den Freitod (wenn es denn einer war) gewählt hat. Liebe Grüße, Kerstin

      • Ein Freund von mir hat sich bei verschiedenen Registrierungen immer einen zweiten Vornamen gegeben oder einfach einen Buchstaben gewählt, z.B. „Anton A. Müller“, „Anton B. Müller“, etc. Dann hat er aufgeschrieben, wo er sich mit welchem Buchstaben angemeldet hat und geprüft, welche Werbepost er mit welchem „Mittel-Buchstaben“ erhält. So sind ihm die verschlungenen Wege der Adressverkäufe aufgefallen 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s