Von Pferdestärken und anderen Forbewegungsmittlen

Ich will Spaß, ich geb‘ Gas“ – das war mal ein Hit. Im Film, Funk und Fernsehen. Und nicht nur wegen der Frisuren und Kleider ein sehenswertes Video. Ich sage nur Schlagzeug. Gut, Schluss mit Lustig.

Fragt man den einen oder anderen Erdbewohner, was ihm zu Deutschland einfällt, dann sind unsere Autobahnen ganz vorne mit dabei. Und die Tatsache, dass man hierzulande noch so richtig Gas geben darf. Vom Können will ich hier man nicht sprechen, denn entweder sind die Strecken ohne Geschwindigkeitsbegrenzung von linksfahrenden Hutträgern zugeparkt, oder es finden die berüchtigten Elefantenrennen statt, oder Ferienanfang/-ende fallen mit kilometerlangen Baustellenarbeiten zusammen. Also, freie Fahrt ist jedenfalls was anderes.

Ja, ich fahre gerne schnell. Macht Spaß, da hatte der Sänger recht. Zum Glück fährt mein Auto nicht so schnell wie der besungene Maserati es kann, beziehungsweise ich es hin und wieder gern möchte (s.o.). Und es ist auch recht uncool. Deutsche Mittelklasse. Fünftürer. Diesel. Nur gehegt und gepflegt wird es nicht. Jedenfalls nicht so. Ist ja auch ein Auto und soll mich von A nach B bringen. Mehr nicht. Insofern hält sich der Spaß in Grenzen, aber der Sänger hatte ja auch im Film eine Vespa und keine Seifenkiste mit 170 Pferden unter der Haube.

Auto

Wirklich bewegt wird es auch nicht, mein Gefährt. Der Kundenberater aus dem Autohaus meint bei jedem saisonalen Reifenwechsel, meine Bremsbeläge seien verrostet. Nun gut, dafür sind die Reifen nicht abgefahren und mehr als 6000 Kilometer pro Jahr kommen auch nicht auf den Zähler. Soviel fährt mein Chef locker in zwei Monaten. Aber der wohnt auch nicht nur knappe drei Kilometer von seinem Schreibtisch entfernt. Ok, er muss natürlich auch noch den einen oder anderen Termin anfahren. Dafür werde ich immer mal wieder auf meinen Drahtesel angesprochen, mit dem ich jeden Tag zur Arbeit fahre. Bei Wind und Wetter. Nur bei geschlossener Schneedecke nehme ich mal den Bus, wobei ich das auch schon gelaufen bin. Spart CO2 und kostet Kalorien.

Bilanz von 10 Arbeitstagen

Bilanz von 10 Arbeitstagen

Mein fahrbarer Untersatz wird also so gesehen nur einmal in der Woche bewegt. Zum wöchentlichen Samstagseinkauf. Gas geben ist da natürlich nicht drin. Das geht nur bei Urlaubsfahrten, die nicht per Flieger beziehungsweise Bahn angesteuert werden. Wobei, das mit dem Gas geben hatten wir ja oben schon geklärt.

Das Flugzeug kommt immer seltener als Transportmittel zum Zuge. Anfang des Jahres war ich auf der Reisemesse eines Outdoorspezialisten, die bei uns stattfand und ein Sitznachbar bei einem Vortrag erzählte, dass er seinen Sommerurlaub bereits gebucht habe. Wandern in Kenia. Oder war es Kuba? Im Grunde auch egal. Nach meiner Antwort, dass man auch in der Nähe sein Fernweh auskurieren könne und die Alpen ja schließlich direkt vor der Haustür liegen würden, schien er ganz erstaunt und wollte wissen, was ich denn so alles empfehlen könne und schon gemacht hätte. Gut, war eventuell auch eine Masche und die Einladung zum Kaffee habe ich dann abgelehnt, was mich nun doch etwas wurmt. Aber das ist ein anderes Thema.

Nur mal so für die Aktennotiz: Ein Flug nach New York schlägt mit 4 Tonnen CO2 zu Buche. Statistisch gesehen stehen jedem von uns aber nur 2,7 Tonnen zur Verfügung. Um also meine Bilanz meines bisherigen Lebens auszugleichen, dürfte ich wohl bis an mein Lebensende kein Stahlvogel mehr betreten. Wäre bestimmt machbar, wenn ich da an das Buch „Fliegen ohne Flügel“ denke, aber ob das so der Weisheit letzter Schluss ist? Wohl werde ich aber beim nächsten Flug die freiwillige Umweltabgabe berappen. Das löst selbstverständlich nicht das Problem, aber vielleicht bringt es doch was. Das muss ich nochmals genauer unter die Lupe nehmen.

Zugfahren hingegen finde ich klasse. Man kann rumlaufen, hat echte Beinfreiheit und es gibt eine ganz ordentliche Speisekarte und kein Einheitsessen. Und ich kann wirklich stundenlang raus schauen. Unschlagbar ist allerdings das Unterhaltungsprogramm.

Spaß

Unlängst waren der jugendliche Mitbewohner und ich auf einer Fahrt auf der Nord-Süd-Achse der Republik unterwegs und kurz nachdem wir die schöne Elbmetropole verlassen hatten, stoppte der Zug. Mitten auf der Strecke. Da stand er nun. Nach vielleicht fünf Minuten fiel das sogar dem Nachwuchs auf. Teenager brauchen ja manchmal etwas länger. Ich meinte dann, dass die Kuhherde erst noch über die Gleise getrieben werden müsse. „Echt???“ Das sollte eigentlich ein Scherz sein. War es aber nicht, denn nach Wiederaufnahme der Fahrt im Schneckentempo meinte der Schaffner/Zugbegleiter – also der mit der Mikrofonhoheit – dass sich Tiere auf den Schienen befänden und man die Fahrt erst mal nur langsam fortsetzen könne. „Sag‘ ich doch“, war meine Reaktion und fand den geernteten Blick zum Wiehern komisch.

Irgendwann kam der mit der Zange, um die Fahrscheine abzuknipsen. Der Herr schräg hinter mir durchwühlte alle Taschen, konnte aber nur Platzreservierung und Quittung finden. Zwei Damen und ich konnten nicht umhin, kostenlose und hilfreiche Tipps beizusteuern. Der nette Herr mit der Zange meinte, es käme nochmals wieder, dann könne man ja in Ruhe suchen. Genau da tauchte natürlich das Ticket auf, was der Fahrgast zu bedauern schien: „Hätte mich jetzt interessiert, was passiert wäre, wenn ich den nicht gefunden hätte. Ob ich dann wohl aus dem Zug geworfen worden wäre?“, sinnierte er. Die Damen und ich mussten grinsen. Kopfkino.

Doch damit nicht genug. Kurz darauf wieder eine Durchsage: „Im Wagen vier befindet sich ein schwarzer Koffer, der immer hin und her rollt. Der Besitzer wird gebeten, sich zu melden. Ansonsten wird der Koffer am nächsten Bahnhof aus dem Zug befördert.“ Leicht nervöses Kopfrecken bei den Mitreisenden. Und dann konnten wir uns vor Lachen kaum halten, als ich sagte, dass wir nun doch noch einen Zugrauswurf erleben würden. Leider folgte die Entwarnung auf dem Fuße. Schade, das Räumkommando hätte ich gern miterlebt.

Ja, wenn einer eine Reise tut kann ich da nur sagen. So was passiert einem im Flieger nicht. Da wird eisern um Armlehnen gekämpft und die unter Entzugserscheinung leidenden Lungen (Raucher) und Finger (Smobies = Smartphone-Zombies) mit Tomatensaft beruhigt. An Gespräche unter Mitreisenden ist da bei aller Liebe nicht zu denken.

Das Glück liegt beim Reisemittel also nicht nur auf dem Rücken der Pferde, sondern hat auch mit selbstbestimmtem Handeln zu tun. Wenn dann noch Spaß, ein gewisser Reiz und so etwas wie Bedeutung für uns hinzu kommt, dann sind wir bei uns selbst. So einfach ist das.

Mal sehen, womit man noch so alles seinen Spaß haben kann.

 

Also dann, action!
Eure Kerstin

9 Gedanken zu „Von Pferdestärken und anderen Forbewegungsmittlen

  1. Hm, gerade bei der Bahn fällt mir humorvoller Umgang mit Zwischenfällen sehr schwer. Insbesondere Parken auf freier Strecke ist schrecklich und eine Erklärung durch den Menschen mit der Mikrofonhoheit (schöne Formulierung von Dir) gibt es ja leider auch eher in Ausnahmefällen.

    Und jetzt muss ich ausnahmsweise mal Kritik loswerden: könntest Du die 2 von CO2 bitte tiefstellen? Hochgestellt liest man häufig, es ist aber verkehrt und tut mir beim Lesen etwas weh.

    • Ich gebe zu, wenn ich tagtäglich mit den öffentlichen fahren müsste, würde ich das bestimmt auch nicht mehr so locker nehmen. Das schlimme ist eigentlich, dass man von der Bahn gar nichts anderes mehr erwartet als dass es nicht klappt, man seinen Anschluss verpasst und immer der Dumme ist.
      Danke für den Hinweis, wurde sogleich geändert. Liebe Grüße, Kerstin

      • Aber manchmal klappt sogar Bahn. Ich war am Mittwoch fast eine Stunde früher zuhause als geplant! Weil der ICE 1h vor dem, mit dem ich fahre wollte, noch verspätet da rumstand, als ich am Bahnhof ankam, weil ich nämlich extra eine U-Bahn früher gefahren war, die aber ausnahmsweise pünktlich war …

  2. Tja, neulich wurde bei uns im Norden sogar fast 8 Stunden eine Autobahn, um Rehe zu jagen….
    Naja verjagen, die waren auf den Grünstreifen der Autobahn gefangen. Warum nicht auch mal Bahnstrecken.

    Zum Thema CO2 würde ich gern ausführlich schreiben. Das ist soooo wichtig!

    Kurzform: Bahn und s-Bahn kann ich CO2-neutral fahren. Fliegen ist böse, Autofahren nicht unnütz und verhalten und zu Hause spare ich jährlich mehrere Bäume ein dank Naturstrom.de
    Aber ohne, dass es auch im Großen realisiert wird, sind das kleine Tröpfchen auf unserem Klimastein.

    Die Bahn… eine Hassliebe mit Sparpotential, aber durch Unpünktlichkeit gepaart mit Kommunikationsunfähigkeit und hohen Preisen.
    Bitte einen Kommunikationscoach und Stromförderung statt Autozuschuss für Elektromobilität.

    Wow, tausend Parolen, keine Lösung 😉
    Ein komplexes Thema!

  3. Also zum Thema Auto-Gebrauch hätte ich von dir jetzt etwas mehr reißerisches erwartet 😉
    Ich bin weiterhin der Meinung, der Auto-Gebrauch sollte individuell betrachtet werden: Wer auf dem Land wohnt und zur Arbeit/Supermarkt/Arzt/Friseur 30km zurücklegen muss, der braucht ein Auto. Wer aber z.B. in der Stadt oder am „Stadttor“ wohnt, der kann ggf. auch darauf verzichten. In Großstädten würde ich lediglich „Nutzverkehr“ (Krankenwagen, Müllabfuhr, Busse) zulassen und Menschen, die viel zu transportieren haben (mehrere Kinder, ältere Menschen, jobmäßig viel mit sich führen) nur mit Sondergenehmigung fahren lassen. Wieso normale Büroangestellte morgens 5km mit dem Auto durch die Stadt zum Job zuckeln, wo sie auch Bus/Tram/U-Bahn/S-Bahn/Regio verwenden könnten, wird mir immer ein Rätsel bleiben!

    • Ich sehe, wir beschäftigen uns mit den gleichen Rätseln 🙂
      Auto ist wirklich sehr individuell und in Gedanken habe ich meines bereits weiter vererbt. Ich vermute auch, dass ich ohne Nachwuchs gar keines mehr hätte.
      P.S.: Werde mich anstrengen, beim nächsten Auto-Artikel etwas mehr Schwung in die Bude zu bringen 😉
      Liebe Grüße, Kerstin

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