Draußen nur Kännchen

Kaffeezeit

Das waren noch Zeiten. Nein, früher war nicht alles besser. Aber in gewissen Dingen vielleicht entspannter. Wir alle laufen ständig der Zeit hinterher. Das ist doch komisch, findet Ihr nicht? Wir haben zig Geräte, die uns Arbeit abnehmen und entlasten: Waschmaschine, Geschirrspüler, Akkuschrauber, Rasenmähroboter, Navi, Computer. Die Maschinen übernehmen immer mehr von dem, was der Mensch früher selbst gemacht hat. Das würde ja eigentlich bedeuten, dass wir um Längen mehr Zeit haben müssten, als die Generation vor uns. Und? Wer von Euch hat mehr Zeit?

Ich nehme mal stark an, mit dem Paradoxon bin ich nicht so ganz allein. Die Krux an der Sache ist die, dass wir immerzu neue Dinge erschaffen, die wir vorher nicht hatten und auch irgendwie gar nicht brauchten. Und dann müssen neue Programme her, um wieder Zeit zu sparen. Wir sind umgeben von „Energiesklaven“, sagt Nico Paech.

Ein Beispiel aus meinem Arbeitsalltag: Ganz früher hat man Briefe geschrieben. Der ging an eine Person. Das war weit vor meiner Zeit im Berufsalltag, weil so alt bin ich nun auch wieder nicht. Dann kamen Rundschreiben, die wurden von Büro zu Büro weitergereicht. An so was kann ich mich noch vage erinnern. Anschließend gab es Faxe. Die konnte man schon an mehrere, nicht unbedingt gleichzeitig, aber nacheinander verschicken. Die Ära habe ich in ihrer Blütezeit erlebt.

Tja, und heute gibt es E-Mail. Ein Mail kann man an hundert und mehr Personen gleichzeitig senden. Ich habe das für 2015 mal dokumentiert: Da habe ich über 13.000 E-Mails in der Arbeit verschickt. Nur verschickt, wohlgemerkt. Und die hatten teilweise tatsächlich hundert und mehr Empfänger. Irre. Das macht über 1.000 Mails pro Monat. Und wenn man von 20 Arbeitstagen ausgeht, sind das in etwa 50 Mails pro Tag, 6 pro Stunde, alle 10 Minuten eine Mail. Und noch mal: Das waren nur die Mails, die ich verschickt habe. Da wundert mich es nicht im Geringsten, dass die wirkliche Arbeit zur Nebensache wird.

Mein Chef erzählt in dem Zusammenhang immer gern die Story von einem seiner ehemaligen Chefs, der oft stöhnte: „Heute habe ich schon wieder fünf Faxe bekommen.“ Also, ich find’s lustig. Und gleichzeitig fehlen mir die Worte, weil es schon fast makaber ist.

Heute muss alles sofort, wie der jugendliche Mitbewohner sagt „instant“, passieren. Das trifft auch auf unsere Nahrungsaufnahme zu. An jeder Ecke kann man Essen und Trinken im Schnelldurchgang seinem durchgetakteten Körper zuführen. Wer sich in den bekannten Coffee-Shops einen Kaffee zum „Hiertrinken“ – ist schon bezeichnend, dass es nicht mal einen wirklich passenden Ausdruck dafür gibt – bestellt, ist nicht mehr up-to-date. Im Grunde lädt der ganze Laden auch nicht zum Verweilen ein. Die wenigsten haben eine Toilette, also ist ein zweites Getränk ein no go. Die klassische Im-Biss-Bude ist heute ein Foodtruck und es gibt food on the go. Dabei sind sowohl der Coffee als auch das Food oft sehr, sehr lecker. Daran liegt es also nicht, dass man es sich so schnell mal eben einverleibt.

Ich muss gestehen, ich nehme nach meinem Wocheneinkauf am Samstag auch einen Coffee to go mit. Der ist zum einen meine persönliche Belohnung – es gibt immer einen Grund – und zum anderen so was wie ein Frühstücksersatz. Und mit dem armen, unter Luftnot leidenden toten Fisch (siehe Beitrag dazu: Konflikte und Kompromisse) kann man sich eben nicht noch gemütlich für eine halbe Stunde an die Kaffeebar setzen. Selbst die Nicht-Bio-Pizza fände das, glaube ich, nicht so prickelnd.

Also kommt hier der Becher aus der Vorbereitung zum Einsatz. Der ist aus Porzellan und führt auch hier zur gewohnten Diskussion an der Theke. „Können Sie den Latte bitte in den Becher füllen?“ „Das geht nicht.“ „Wieso?“ „Weil da viel mehr reingeht, als in die normalen Becher.“ „?“ Kurzer Blick meinerseits in den mitgebrachten Becher. „Also, die Kollegin macht das sonst immer.“ „Die Kollegin.“ Bedrohlicher Blick. „Das würde ich ja gerne mal wissen, wer die Kollegin ist.“ „Hm, also ich glaube ja nicht, dass da mehr reingeht.“ Der Barista will es genau wissen und füllt einen Pappbecher mit Wasser bis ca. 2 cm unter den Rand. Dann schüttet der den Inhalt in meinen Becher. Randvoll. Aha. „Ja, ok, das geht.“ „Da bin ich aber froh, dass die Kollegin jetzt nicht in Schwierigkeiten steckt.“ Darüber, dass in meinen Becher im Grunde weniger reingeht, hat er dann kein Wort mehr verloren. Am Preis ändert sich logischerweise auch nichts, aber mein Gewissen ist mal wieder um 2 cm gewachsen.

Hier ein schöner Artikel von utopia zum Thema Pappbecher: https://utopia.de/0/magazin/kaffee-coffee-to-go-becher-muell-umwelt-recycling-1

Oder ein Video von PULS für diejenigen, die es eilig haben (Zeitbedarf 1.30 Minuten – schneller als ein Kaffee zum Mitnehmen):

Noch ein, zwei Sätze zu Getränken für unterwegs: Auch die lassen sich ohne Weiteres in wiederverwendbare Behältnisse füllen.

Trinkflaschen Meine Thermoskanne mit Tee steht zum Beispiel auf dem Schreibtisch, wenn sie nicht im Rucksack auf die Berge gewandert wird und die Aluflasche ist nur unwesentlich schwerer als PET-/PEW-Flaschen. Dafür unkaputtbar und einfacher zu reinigen. Die Ausnahme wird wieder mal dem jugendlichen Mitbewohner für das Schulgetränk zugestanden. Aber das ist okay, denn Getränkeflaschen haben die paranormale Angewohnheit, vom Schulgelände oder auf dem Weg dahin/zurück, manchmal weiß man das nicht so genau, weggebeamt zu werden. Das sind im schlimmsten Fall €0,25 Verlust und nicht €10+ für die wiederbefüllbare Alternative.

Morgen geht es um eine ganz besondere Beziehung, die man zu selbst angebauten Nahrungsmittel entwickelt.

 Also dann, action!
Eure Kerstin

 P.S.: In den späten 90ern gab es in einer großen, politischen Wochenzeitung einen Bericht, in dem Politiker und Prominente befragt wurden, was sie Besuchern, die kein Deutsch sprechen, als Erstes beibringen würden. Damals sagte einer: „Draußen nur Kännchen“. Mich würde wirklich interessieren, wie heute die Antwort ausfallen würde.

7 Gedanken zu „Draußen nur Kännchen

  1. Das mit dem Arbeitsalltag finde ich auch interessant…
    Ich glaube aber, dass wir heutzutage viel produktiver sind, als noch für 50 Jahren. Allein die Tatsache, dass Frauen heutzutage Kinder großziehen UND Vollzeit arbeiten UND den Haushalt machen. Das wäre früher eben auch gar nicht gegangen.
    Das verrückte ist eigentlich nur, dass Chefs und Unternehmer heutzutage ein viel-viel-Vielfaches mehr an Gehalt bekommen, als die Chefs und Unternehmer vor 50 Jahren (ja, Inflation, etc. eingerechnet). Oder mit anderen Worten: Die „unten“ sind effizienter, schaffen mehr in kürzerer Zeit und zugute kommt das den Leuten „oben“.

  2. Ich glaube gar nicht, dass wir so wenig Zeit haben. Wir füllen sie aber mit vielem, dass man „früher“ nicht gemacht hat, und das wir dringend tun wollen, aber vielleicht nicht unbedingt müssten.Wir tun so viel, gerade weil wir die Zeit haben. Meine Großmutter hatte deutlich weniger Freizeit, um mal ein Buch zu lesen oder in der Sonne zu sitzen, es gab in Haus und Garten immer etwas zu tun, Zeit „für sich“ hatte sie in meiner Kindheit nicht. Heute muss sie viel, viel weniger tun, sie kann mit der freien Zeit aber gar nicht recht etwas anfangen.

    Kaffee zum Mitnehmen ist für mich ein (extrem seltener) Kompromiss. Ich will Kaffee (was nicht so oft vorkommt). Ich will deswegen nicht 15 Minuten früher zum Bahnhof gehen. Deswegen kaufe ich ihn auf die Hand und trinke im Zug. Aber nicht weil ich nicht Zeit hätte, sondern weil ich mir in dem Moment nicht die Zeit dafür nehmen will.

    Draußen nur Kännchen – an Cafés stört mich oft das Warten. Zeit für den schönen Capuccino wäre locker drin. Aber darauf warten, dass ich ihn bestellen darf, ihn bekomme, dann warten, dass ich ihn bezahlen darf, das kann den Erholungseffekt des Sitzens und Capuccinotrinkens schon wieder verderben. Deswegen mag ich Cafés, in denen man sein Getränk an der Theke holt und gleich bezahlt.

    • Ja, früher mussten die Menschen sehr viel mehr arbeiten und hatten keine Zeit für sich. Heute stellt sich für uns die Frage, ob wir „gewonnene“ Zeit wirklich für uns nutzen. Oder ob wir uns nicht wieder irgendwas auf unsere to-do-Liste schreiben. Stichwort: Freizeitstress. Liebe Grüße, Kerstin

  3. ‚Coffee to go‘ ist aus meiner Sicht eine absolute Unsitte. Nicht nur wegen der vielen Pappbecher. Kaffee ist für mich ein Genussmittel. Wenn ich Kaffee (oder sonstige koffeinhaltige Heißgetränke) trinke, dann möchte ich ihn genießen. Und dafür nehme ich mir gerne Zeit und trinke ihn gerne aus einer „ordentlichen“ Tasse. Vorzugsweise in Gesellschaft eines lieben Menschen (oder mehreren). Gerne auch beim Lesen einer Zeitung („kostet“ auch Zeit). Und ich genieße es mich in ein Cafe zu setzen, etwas zu warten, zu bestellen, wieder etwas zu warten, den Kaffee in Ruhe zu trinken und… wieder warten. Ich genieße das weil ich mir diese Zeit ganz bewusst nehme. Und das total entspannend finde. Aber ‚Coffee to go‘? Um ihn im Zug, in der S-Bahn oder sogar im Auto zu trinken? Nee, da kann ich ihn ebensogut in den Gulli kippen.
    Ist meine Meinung. 😉

  4. Pingback: Wirtschaftlichkeitsberechnungen | alltagseinsichten

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