Lebensmittel – Mittel zum Leben

Mit dem Kapitel Lebensmittel kommen wir sicherlich zu dem schwierigsten Thema. Zum einen, weil wir heute zu den Lebensmitteln keinen unmittelbaren Bezug mehr haben und zum anderen, weil wir die Sorglosigkeit, mit der wir Lebensmittel konsumieren, nicht wirklich spüren.

Mahlzeit

In Deutschland sind nur noch 2,3% der Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig. Anfang des 20. Jahrhunderts traf das noch auf die Hälfte der Bevölkerung zu. Das Szenario, dass bald niemand mehr weiß, woraus Brot besteht und wo die Milch herkommt, ist also gar nicht so utopisch. Wir entfremden uns von der Herstellung und der damit verbundenen Wertschätzung.

Dies trifft insbesondere auf die Produktion von Wurst- und Fleischwaren sowie die Milcherzeugnisse zu. Wir kennen alle die Bilder aus der Massentierhaltung, die es uns erlaubt, 1l Milch für unter 0,50Cent und ganze Hähnchen für 1,99€ zu erwerben. Die Frage ist eigentlich nur, wie viel Zeit wir noch haben, bevor die Nebenkostenabrechnung fällig ist.

Allein in Deutschland sterben jedes Jahr 15.000 Menschen an Infektionen, die durch antibiotikaresistente Keime verursacht sind. Doch nur der massive Einsatz von Antibiotika garantiert eine schnelle und billige Aufzucht. Monokulturen können nur mit Dünger und Schädlingsbekämpfungsmitteln maximalen Ertrag liefern. Lange Haltbarkeit und frisches Aussehen werden mit Aroma- und Zusatzstoffen erzeugt, so dass im Grunde ein Beipackzettel nötig wäre, so künstlich sind unsere Lebensmittel inzwischen.

Und da es uns keine Mühe kostet, da wir alles portioniert und abgepackt im Supermarkt zu Spottpreisen kaufen können, schmerzt es auch nicht sonderlich, wenn es wie gekauft in den Müll wandert. 11 Tonnen Nahrungsmittel werfen wir im Jahr weg. Pro Kopf macht das 82kg, wovon 2/3 noch genießbar gewesen wären. 2013 belief sich die Summe auf 21,6 Milliarden Euro!

Lebensmittel sind so billig wie nie zuvor in der Geschichte. 15% des Einkommens werden in Deutschland dafür aufgewendet. 1970 waren es noch 30%. Was früher Luxus war, ist heute alltäglich. Für 10 Eier musste man 1960 noch 50 Minuten arbeiten, 2011 waren es gerade mal 8 Minuten. 500gr Kaffee konnte man sich 1960 nach 3,5 Stunden leisten, 2011 reichten bereits 21 Minuten. 1l Milch schlug 1960 mit 11 Minuten zu Buche, 2011 waren es nur noch 3 Minuten. Einzig der Fischpreis ist gestiegen, was einmal mehr ein Zeichen der Überfischung ist. (http://www.wirtschaftundschule.de/)

Wenn man im Gegenzug den sogenannten virtuellen Wasserfußabdruck dagegen rechnet, wird das Ausmaß vielleicht noch etwas deutlicher: Für ein Ei werden 3.300l Wasser benötigt, 1kg Kaffee belaufen sich auf 21.000l Wasserverbrauch (macht 140l pro Tasse) und für 1l Milch muss man 1.000l Wasser aufwenden. Beim Fleisch stellt es sich dann folgendermaßen dar: 1kg Rind = 15.455l Wasser, 1kg Schwein = 4.800l Wasser und 1kg Geflügel = 3.900l Wasser. Man stelle sich nur mal die Badewannen vor. Zum virtuellen Wasserfußabdruck gibt es eine schöne Seite http://www.virtuelles-wasser.de/virtuelles_wasser.html, die jede Menge Futter fürs Hirn bietet.

Die Bezeichnung Lebensmittel hat also irgendwo seine Bedeutung verloren. Wir leben nicht mehr mit der Nahrung, sie ist für uns zum reinen Mittel zum Zweck geworden. Mit unserem Bedarf leben wir über unsere Verhältnisse, die weder auf unseren eigenen körperlichen Fähigkeiten, noch auf den lokalen/regionalen Ressourcen basieren.

Was tun? Ist Bio die Antwort? Wie sieht es aus? Besser, oder nur teurer? Morgen geht es weiter.

Also dann, action!
Eure Kerstin

8 Gedanken zu „Lebensmittel – Mittel zum Leben

  1. Nicht von ungefähr nehmen die „Wohlstands-Krankheiten“ zu. Inzwischen auch bei den Haustieren.
    Und leider wissen auch immer weniger Menschen, wann was Saison hat. Denn die Kette der Lebensmittel im Jahresverlauf hat ihren Sinn. Ein Thema ohne Ende….

  2. Ein sehr komplexes Thema hast Du Dir da herausgepickt… Super! 🙂 Bio, Öko, Regional, Saisonal, Fairtrade, Selbstanbau. Auswärts essen weil billiger, als Kochen, Für Freunde oder Nachbarn kochen (neudeutsch Foodsharing)….. Da gibts noch so ein paar Gedanken, die mir im Kopf herumspuken….
    Neuester Gedanke, den ich gerade teste: Bio-Crowd-Farming um zu vermeiden, dass der Handel 50% der Lebensmittel in die Tonne wirft (auch Bio-Handel). Wollen wir nciht gemeinsam ein Buch schreiben? 😀

    • Danke, fühle mich ja echt geehrt. Da muss ich tatsächlich mal drüber nachdenken 🙂
      Die Idee mit dem Crowd-Farming finde ich gut und ich denke immer, die Märkte (Bio oder nicht) sollten die Lebensmittel dann spenden, bevor sie in die Tonne wandern.
      Ja, das Thema ist echt komplex und ziemlich schwer zu greifen, da man als Verbraucher nie so richtig weiß, wo man anfangen soll und welchen Aussagen man noch trauen kann. Und ich muss gestehen, dass ich am Anfang der Reihe das so leichthin mit dem Thema Lebensmittel geschrieben habe. Da war mir das wohl nicht so ganz bewusst, wie umfangreich sich das gestaltet. Nun versuche ich noch irgendwie Struktur reinzubekommen und bin für jeden Input dankbar. Liebe Grüße, Kerstin

      • Hmmmm… Da Struktur rein zu bekommen, ich drücke Dir die Daumen und bin gespannt! Ggf lass uns gerne per Mail austauschen (kontaktform auf meinem Blog)
        Das Thema geht glaube ich viele von uns an!

        Meinen Bio-Orangenbaum habe ich übrigens bei https://www.naranjasdelcarmen.com
        Man kann auch Lieferungen als Spende an Tafeln, Kinderheime etc schicken 🙂
        Liebe Grüße
        Patrick

  3. Maß halten, wäre wohl eine Möglichkeit. Dafür braucht man aber erst mal ein Bewusstsein für das Problem und das fehlt den meisten Menschen leider. Woran sie nicht einmal selbst Schuld sind. Wer sich nicht aktiv informiert, wird nicht informiert. Dabei geht dieses Problem uns alle was an. In den westlichen Ländern werden wir es nur als Letzte merken.
    Ein schöner Artikel, danke auch für die vielen Quellenangaben! Bin gespannt, wie es weitergeht. 😉

    • Danke für den Kommentar. Auf das richtige Maß kommt es tatsächlich an. Und mit dem Bewusstsein hast Du absolut recht. Ich finde die Aussage „der Mensch ändert sich nur aufgrund von zwei Dingen: Einsicht oder Katastrophe“ in dem Zusammenhang sehr bezeichnend. Die Hoffnung ist natürlich, dass die Einsicht schneller kommt als die Katastrophe. Den Punkt, dass man nicht informiert wird kann ich bestätigen und es ist oft auch gar nicht so einfach an Informationen zu kommen. Nicht jeder wendet die Energie dafür auf. Liebe Grüße, Kerstin

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