Tag 5: Wehe, wenn sie los gelassen

Tag 5Der Erfinder des 30-Tage-Schreiben-Projektes wusste schon, warum er/sie für diese Frage gleich eine ganze Seite eingeplant hat. Also, hier im Netz kann man das ja nicht sehen, aber für jede Frage hat man in etwa eine halbe DIN A4 Seite, um etwas zu schreiben. Für Tag 5 gleich eine Ganze. Das ist doch bezeichnend, oder? Liegt das jetzt daran, dass es ein deutsches Format ist? Wir sind ja als Weltmeister für alles mögliche bekannt. Oder daran, dass Menschen im Allgemeinen sich immer und überall und vor allem immer mehr über Dinge aufregen? Meine Kollegin kam da neulich mit einem wirklich witzigen Spruch. So, von wegen: ‚Bevor ich mich aufrege,…’ Und nun muss ich mich gleich aufregen, weil mir dieser schon wieder entfallen ist. Und ich sie angeschrieben habe und nun schon eine Ewigkeit auf eine Antwort warte. Bestimmt fünf Minuten. Oder so. Geht gar nicht in der heutigen Zeit der ständigen Erreichbarkeit. Ich weiß schon, da steckt bestimmt irgendwas dahinter.

Gut, also, beim Thema Aufregen fallen wir wirklich mehr als genug Sachen ein: Müll sortieren und jeden Samstag entsorgen, jeden Samstag einkaufen, jeden Samstag sauber machen. Das sind alles so sinnlose Tätigkeiten, denn schon einen Tag bzw. Tage später ist neuer Müll da, muss man wieder einkaufen gehen und dreckig ist es ja oft schon nach zehn Minuten wieder. Getränke aus dem Keller holen – nervtötend, weil die Limo, die man für sich selbst geholt hat, plötzlich weg ist. Also, der Inhalt. Der jugendliche Mitbewohner ist – logisch – sich keiner Schuld bewusst. Getränke holen scheint derzeit auch kein Schulfach mit Notendruck zu sein. Zur Not tut es auch der Wasserhahn. Schön, wenn man so gechillt durchs Leben schlurfen kann.

Ich gebe zu, das alles sind Dinge, die erledigt werden müssen und irgendwie dazu gehören. Anders geht es nun mal nicht. Außer man hat Personal. Tja, da scheint meine Lebensplanung versagt zu haben. Und sich aufregen hat sowas Verbindendes.

Aber gut, es gibt ja noch so viele andere Punkte, über die ich mich aufregen kann: Geräte, die mit Garantieablauf kaputt gehen oder bei denen die Reparatur teurer als ein Neukauf ist. Werbepausen – außer ich muss mal ganz dringend wohin, was mich dann erst recht aufregt. Beginnende Blasenschwäche. Tena –here I come. Und wo wir schon beim Thema Mensch und körperlicher Verfall sind: Schnarcher auf Hütten gehen gar nicht. Pickel auch nicht. In meinem Alter. Wo kommen wir denn dahin. Das ist schließlich ein Privileg der Jugend. Apropos Jugend…

Nein, damit fange ich gar nicht erst an, sonst sitze ich morgen früh noch hier. Wobei. Um 7 Uhr läuten die Kirchenglocken. Pünktlich. Jeden Tag. Mit Ausnahme von Karsamstag. Das macht die Kirchjugend ab 5 Uhr Lärm. Also, wer den Brauch erfunden hat. Na, ich will mal lieber nicht laut sagen, was dem alles angehört getan werden sollte.

Wie man sieht, ist es ein Leichtes, überall ein Haar in der Suppe zu finden. Wehe, wenn sie los gelassen. Lustigerweise hat just Literaturfrey, einer meiner Blogverwandten, das sehr treffend formuliert: „Es fällt mir nicht schwer, unzufrieden zu sein.“ Genau. Wie gesagt, das ist ein Leichtes. Schwer hingegen ist es in der Tat, sich nicht aufzuregen. Vieles ist es nicht wert. Manches kann man nicht ändern.

Doch am schwersten ist es, sich nicht über sich selbst aufzuregen: Wenn ich mal wieder nicht zur rechten Zeit, die passenden Worte parat hatte. Wenn ich mal wieder etwas des lieben Friedens willen gegen meinen eigentlichen Willen tue. Wenn ich mich mal wieder nicht aufrege, wenn Dinge über meinen Kopf hinweg entschieden werden und ich mich dann einfach füge, anstatt mal meine Meinung kundzutun. Wenn ich mich mal wieder darüber aufrege, dass ich einem Konflikt aus dem Wege gegangen bin.

Und statt dessen, dass wir den schweren, unbequemen Pfad nehmen, wählen wir lieber den leichten und regen uns auf. Geschieht mir ganz recht würde ich sagen.

Na, dann bis morgen, Kerstin

 

P.S.: Und wenn die Kollegin Montag ins Büro kommt, dann kann die aber was erleben.

P.P.S.: Glück gehabt, meine Liebe: Gerade kam die Antwort: „Bevor ich mich das nächste Mal aufrege, ist es mir erst einmal egal.“ Super Spruch. Den muss ich mir nun aber wirklich merken.

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