Kindheit und Menschsein

Das Kind in uns geht zum Glück nie so ganz verloren. Und man kann nie wissen, wann einem dieses Kind begegnet. Plötzlich ist es da und wir werden mit Lichtgeschwindigkeit an Dinge erinnert, die wir vielleicht schon gar nicht mehr so genau in Erinnerung hatten.

Bei einer meiner Anfälle von Jetzt-wird-aber-aufgeräumt bin ich mal wieder über meine alten Tagebücher gestolpert, die bereits seit Jahren und Jahrzehnten mit mir umziehen. In meiner Kindheit und auch Jugend, ja sogar bis vor ein paar Jahren war ich leidenschaftliche Autorin von Tagebüchern. Nicht immer durchgängig, aber immer mal wieder und für lange Phasen – vor allem natürlich, wenn ich mich neu verliebt oder unglücklich getrennt habe. Herrje, wusste gar nicht, wie leidensfähig ich war und was für schräge Nummern ich angestellt habe.

TagebücherWozu ich die aufhebe, kann ich eigentlich gar nicht so richtig sagen. Wahrscheinlich aus reiner Sentimentalität. Literarisch jedenfalls sind die absolut unbrauchbar. Peinlich berührt wäre ich sicherlich auch nur noch wegen der kindlichen Sorgen und Gedanken, die sich dem Leser bieten und nicht auf Grund des „tiefen“ Einblicks in mein Seelen- und Gefühlsleben, sollten die Tagebücher jemandem in die Hände fallen. Und wenn ich so ein bisschen darin blättere, dann denke selbst ich, dass dies ein völlig anderer Mensch geschrieben haben muss, so fremd kommen mir meine eigenen Gedanken vor.

Trotzdem sollten sie nicht unbedingt in meine Erbmasse einfließen, wenn ich denn irgendwann mal das Zeitliche segne. Was also tun? In die Papiertonne schmeißen käme mir dann doch zu schäbig vor. Im Garten vergraben kommt sicherlich auch nicht in Frage. Ist wahrscheinlich sogar verboten. Tja, also bleibt nur ein schöner Scheiterhaufen. Gesagt. Getan. Kamin an und rein damit. Schön kuschelig warm war es.

TagebücherUnd da ich neben meinem erwachsenen Ich auch das Kind neben mir hatte, blieb ein Exemplar verschont. Das erste seiner Art, welches ich im Sommer 1979 geschrieben habe. Damals war ich während der Sommerferien bei einer Freundin im Ausland zu Besuch. Da stehen so schöne Sätze drin wie:

Der Flug dauerte unendlos lang.“ – da weiß man ja gleich, wo das Sprichwort ‚Die Zeit verging wie im Fluge’ herkommt.

Vom See ab ging ein Fluss, der hatte zwei Stufen hintereinander. Dann ging es normal weiter.“ – was heißt hier normal? Gibt es einen Treppenfluss? Und was ist bitte ein normaler Fluss?

Heute Nachmittag sind wir wieder zum Strand gefahren. Und jedesmal ist es das gleiche, immer kommt die Flut rein.“ – na, raus würde ja auch keinen Sinn machen. Kleiner Tipp fürs nächste Mal: Andere Uhrzeit anpeilen.

„…wir hatten eine mühsame Fahrt durch die Berge, bei der ich eingeschlafen bin.“ – gut, dass ich damals noch nicht fahren konnte, würde ich sagen.

„.. sind wir zu einer Lachszüchterei gefahren […[ wenn sie an der Stillen Stelle angelangt sind, liachen sie und dann sterben sie. Danach sind wir zu Mc Donald’s gefahren.“ – Kinder sind so herrlich direkt. Mahlzeit! Was ein Stille Stelle ist habe ich allerdings immer noch nicht begriffen. Gut, wer nicht weiß, wie man laichen schreibt bzw. was das ist, hat den anderen Teil unter Umständen auch nicht verstanden. Alle anderen Schreibfehler sind im Übrigen den Originalabschriften geschuldet.

„…haben wir leider keine Seehunde gesehen. Nämlich manchmal sieht man an einer bestimmten Stelle die Seehunde.“ – eine äußerst kluge Feststellung, wenn ich das mal so betonen darf. Liegt eventuell daran, dass wir nicht an der Stillen Stelle waren, sondern an einer bestimmten.

Am Schluss haben wir mit ungebrauchten Eisstielen, Ton, Wasserfarben und Kartoffeldruck Sachen gemacht.“ – ich hoffe mal ganz stark, ich habe dieses Erlebnis lediglich deswegen vergessen/verdrängt, weil die Sachen so grottenhässlich waren und nicht aus anderen Gründen, die vielleicht etwas mit Stillen Stellen zu tun haben.

Die Fähigkeit, das Kind in uns zu bewahren, macht uns aus. Menschsein ist einfach schön.

Eure Kerstin

5 Gedanken zu „Kindheit und Menschsein

  1. warum haste die entsorgt??? es ist einfach herrlich, das alte Ich zu reflektieren. ich hab meine im August wiedergefunden…und kurze zeit später (frag jetzt nicht nach den umständen, das wird zu lang) einige auszüge vor 300 leuten vorgelesen…- ich war nicht allein, es gab noch 3 andere vorleser und die Zuschauer haben eintritt bezahlt, hehe – und es war sooooo witzig *schmunzel
    liebe grüße und ein schönes wochenende

    • Ich habe wirklich lange überlegt und die Tagebücher immer bei jedem Umzug eingpackt und dann wieder ausgepackt, aber nun war einfach der Punkt erreicht, an dem ich keinen Sinn mehr darin gesehen habe. Und auch das Stöbern in den Tagebüchern hat mich mehr betrübt, als sonst was. Man könnte sagen, sie haben mich irgendwie unglücklich gemacht und daher war ihre Zeit einfach vorbei. Liebe Grüße, Kerstin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s