Fremde Freunde

Karte Nr. 24: „Lassen Sie neue Menschen in Ihr Leben: Organisieren Sie ein Kennenlern-Essen: Laden Sie Ihre Freunde ein- und jeder darf jemanden mitbringen, den die anderen noch nie getroffen haben.“

Falls sich jemand wundert, warum der neue Beitrag schon jetzt erscheint: Ich kürze das Ganze hier mal ab: Ich will keine neuen Leute kennen lernen! Genauer gesagt, ich habe im letzten Jahr für meine Begriffe genug neue Menschen getroffen.

Ralf: Auf einem Seminar getroffen. Er ist im Grunde jemand, den ich attraktiv finden könnte. War mal erfolgreicher Geschäftsmann. Ständig unterwegs in Asien und der Welt. Bis er sich die Frage stellte, was aus seinem Leben, welches er sich mal erträumt hatte, geworden ist. Also hat er kurzerhand seinen hochdotierten Posten gekündigt. Nun fährt er einen 18-Jahre alten Polo, von dem er nicht weiß, ob er die nächste TÜV-Prüfung schafft und geht jeden Tag mindestens eine Stunde nach draußen. Ein Luxus, wie er sagt, den er nicht mehr missen möchte. Er etabliert sich gerade als Life-Coach und zweifelt aber noch, ob er tatsächlich anderen mit ihrem Leben helfen kann. Seit er nicht mehr in der Tretmühle steckt, fliegen ihm die Ideen nur so zu. Ich hoffe, wir bleiben weiterhin in Kontakt. Die Gespräche sind hochgradig inspirierend.

Herr Schmitt: War auch auf dem Seminar. Hat sich gerade selbständig gemacht. Als Achtsamkeitstrainer und Stressmanager. Auf sich achten ist sein Thema. Bietet in dem Zusammenhang Wanderungen an. Ist ziemlich fit für sein Alter. Früher war er Pazifist. Heute ist er Mormone und Monarchist. Absolut faszinierende Persönlichkeit. Wörter wie „eigentlich“, „gar nicht so schlecht“, „im Grunde“ sollte man aus dem Wortschatz streichen. Ebenso alles, was einen selbst in negativem Licht erscheinen lässt. Auch in diesem Fall würde mich eine Fortsetzung freuen. Es geht doch nichts über eine Pause im Alltag, bei der man unterm Gipfelkreuz philosophische Gedanken austauscht und mitten auf der Bergwiese Qi-Gong praktiziert. Mit jemandem, den man siezt. Manche Dinge sind so surreal, dass sie nur das wahre Leben hervorbringen kann.

Susan: Über interpals.net kennen gelernt. Wir führen also eine Brieffreundschaft übers Internet. Das hat so seine Tücken. Schließlich kann man nie so ganz sicher sein, ob der andere einem nicht einen riesengroßen Bären auftischt. Am Ende entpuppt sich die „Freundin“ als der eigene Nachbar. Auf der Website wird eindringlich vor Betrügern und dergleichen gewarnt. Man muss sich eben überlegen, was man preisgibt. Aber gut: Ich will hier mal Gnade vor Recht walten lassen. Susan wohnt in Kanada. Da denke ich immer an eine Baumfällersiedlung und/oder eine Stadt am Wasser. Jedenfalls rau und viel Natur. Sie sammelt Puppen. Also landestypische Puppen. Denke da immer an Käthe Kruse. Ist Lehrerin und ziemlich resolut. Vertritt ihre Ansichten. Finde ich gut. Und es erstaunt mich, wie einfach es ist, sich mit wildfremden Menschen anderer Kulturen, über persönliche Probleme zu unterhalten. Eine tolle Bereicherung. Würde mich zwar wohl gegen ein persönliches Treffen aussprechen, aber so ist es gut.

Antje: Auch über interpals.net kennen gelernt. Wir schreiben uns allerdings richtige Briefe. Einfach toll. Ich freue mich jedes Mal, wenn in meinem Briefkasten ein echter Brief für mich ist. Meist reiße ich ihn noch im Flur auf und lese ihn im Stehen. Antje wohnt in den Niederlanden. Ja, auch hier habe ich die typischen Bilder vor mir. Und vielleicht würde ich bei einer Reise in unser Nachbarland sogar einen Besuch ins Auge fassen. Aber das entscheide ich, wenn es soweit ist. Oft frage ich mich, wie sie all ihre Aktivitäten unter einen Hut bekommt. Sie lernt Gitarre, macht eine Ausbildung zur Fußpflegerin, aber eher so in Richtung Massage. Daneben ist sie begeisterte Radfahrerin. So richtig mit einem Rennrad. Ach ja, Familie hat sie natürlich auch.

Michi und Schorsch: Zwei auf einen Streich. Echte Waldschrate. Bei einer Rast in den bayrischen Voralpen kennen gelernt. Also, ich habe gerastet und die beiden haben Weidezäune aufgestellt. Als sie zu mir gekommen sind, konnte ich ihnen leider nur Wasser und kein Bier anbieten. Sie haben sich gewundert, dass eine Frau so ganz allein durch die Berge wandert. Tja, mich wundert es immer, dass sich die Leute über so was wundern. Wir sind dann zusammen auf der Hütte eingekehrt. Also, sie sind eingekehrt und ich habe für eine Nacht Quartier bezogen. Wir haben uns über den Wandel der Zeiten unterhalten. Michi meinte, er fände es nicht gut, dass immer mehr Ausländer nach Deutschland kämen und ich dachte schon: Jetzt geht das los. Aber: Er meinte dann, man sollte besser in den Ländern den Menschen helfen, damit sie dort bleiben können. Ziemlich fortschrittlicher Ansatz für einen Waldschrat. Schorsch hat immer wieder meine wie er sagte „zarten“ Hände genommen. Fasziniert, dass es wohl Menschen gibt, die nicht wie er zig Narben und Schwielen vom Arbeiten haben. Schorsch hat eine Alm mit Pferden. Ergo die Weidezäune und bietet nebenbei noch Kutschfahrten an. Er ist so ein richtiger Almöhi. Mit langem, weißem Bart. Michi hat einen Hut, an dem Zweie und Federn stecken. Einen der Zweige steckt er einfach in die Blumenvase, die auf dem Tisch steht. Später, als Schorsch schon zu seinem „Weibi“ weiter ist, sitzt Michi vor seinem dritten Bier, erzählt mir bestimmt zehn mal, dass er jetzt noch zwei Stunden zu seiner Hütte hat, wo er die Hirsche dann beobachten wird. Er hat noch einen Schnaps im Rücksack. Für später. Nein, er sei kein Alkoholiker. Auch wenn das nicht der Fall sein sollte, so fällt es mir doch schwer, nach unzähligen Wiederholungen seiner Geschichten noch Aufmerksamkeit zu zeigen. Komme mir vor wie in „Täglich grüßt das Murmeltier“. Nachdem es schon anfängt zu dämmern, kann ich ihn überzeugen, dass er nun doch langsam wirklich gehen sollte, wenn er denn noch zwei Stunden Weg vor sich hat. Er gibt mir dann seine Karte. Ziemlich lustig, wenn man bedenkt, dass heute schon Bergbauern Visitenkarten haben. Ich könne mich ja mal melden. Abends, weil tagsüber ist er unterwegs. Also Abends. Leider oder zum Glück fällt die Karte aus meinem Buch und als ich wieder zuhause bin, bin ich eigentlich ganz froh, dass mir diese Verantwortung abgenommen wurde.

Thomas: Auf meinem Weg von München nach Venedig kennen gelernt. Seines Zeichens Heiler. Durch Handauflegen hat er wohl den einen oder anderen geplagten Wanderer kuriert. Ein ziemlich lustiger Typ, der ziemlich unglaubliche Geschichten von Tierbegegnungen, Wiedergeburt und anderen spirituellen Weisheiten auf Lager hatte. Erst als er mich, wie ich es empfunden habe, als Opfer auserkoren hatte (vielleicht, weil ich von Anfang an nicht wie gebannt an seinen Lippen hing), war es nicht mehr so lustig. Angeblich bin ich für meine Eltern ein „Unfall“ gewesen und so gar nicht geplant. Ebenso war er der Ansicht, dass ich selbst nur Mutter geworden bin, damit ich nicht mehr arbeiten muss. Am Ende unserer Reise waren wir auf einem Hof gemeinsam mit einer kleinen Gruppe essen. Nachdem er die Tiere dort nicht mit seinen Gedanken beeinflussen konnte, hat den Gänsen auf den Schnabel gehauen und nach der angriffslustigen Katze mit dem Fuß getreten. Beim Abendessen hat er den Wein mit seinem Geist „besprochen“. Keine Ahnung, ob das bei anderen Eindruck macht, aber ich knabbere noch immer an seinen Worten und finde, dass man solche Scharlatane nur schwer wieder aus seinem Kopf kriegt. Ich hoffe, die anderen, denen er ins Gewissen geredet hat, hatten mehr Glück.

Maria: Ist Vermieterin eines winzigen Bed & Breakfast in Belluno in Italien. Eigentlich stellt sie ganz einfach zwei Ihrer Zimmer (Arbeits- und Schlafzimmer) für Gäste zur Verfügung, während sie dann im Wohnzimmer schläft. So habe ich sie auch kennen gelernt. Also, eigentlich hatte mich ihr Gast am Busbahnhof angesprochen, als ich dort etwas verloren mit meinem Rucksack im Regen stand. Erst fand ich die Idee nicht so verlockend, da ich mich nach der langen Wanderung eher auf einen Wellnesstempel mit Bad und weichen Bett und allem drum und dran gefreut hatte. Aber bei €25,00 Übernachtungsrate inklusive Frühstück bin ich von meinem Plan abgewichen. War schließlich auch nur für eine Nacht und so musste ich nicht erst lange suchen. Maria ist Übersetzerin. Wir haben uns beim Frühstück über die Gegend unterhalten und sie hatte irgendwo, irgendwie Kontakt zu einem der Autoren im „Bergsteiger“, der demnächst einen Bericht über die Belluneser Dolomiten heraus bringen sollte. Als ich dann wieder zuhause war, habe ich nach der Ausgabe Ausschau gehalten. Und siehe da: Nur einen Monat später konnte ich ihr diese schicken. Seitdem schreiben wir uns Briefe und Postkarten. Mittlerweile unterrichtet sie in Frankfurt und vermietet ihre Zimmer nur noch im Sommer an Touristen. Auch eine Art, sein Leben zu bereichern.

Apropos Postkarten: Wer auf Postkarten aus aller Welt ohne weitere Verpflichtung steht, sollte es mal bei postcrossing.com versuchen. Man lernt die Absender flüchtig kennen und kann sich an den schönen Motiven erfreuen. Das Aussuchen der passenden Karte ist immer ein Vergnügen.

Viel anders wäre ein Abend mit den fremden Freunden meiner Freunde wohl auch nicht verlaufen.

Karte Nr. 25: „Werden Sie durch Fehler stark: Sie haben vergessen, eine Mail zu beantworten oder morgens verschlafen? Suchen Sie keine Entschuldigungen und stehen Sie zu Ihrem Maleur. Daraus entsteht wahre Kraft.“ Tja dann: Augen auf bei Fehlerwahl! In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

Noch ein Hinweis: Alle Namen sind selbstverständlich geändert, um die Privatsphäre zu schützen.

 

 

Ein Gedanke zu „Fremde Freunde

  1. Pingback: Laufbahn einer Dorfhexe – alltagseinsichten

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