Scheinwelten

Karte Nr. 18: „’Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern seine Meinung über die Dinge’ – Epiktet. Hinterfragen Sie eine Ihrer Überzeugungen, etwa hinsichtlich Hausfrauen, Machos oder Paaren mit getrennten Schlafzimmern.“

Ich will gar nicht erst in die Diskussion über Vorurteile und Ansichten einsteigen. Das ist ziemlich dünnes Eis, auf dem man sich da bewegt. Zum einen bin ich zu alt, um keine Meinung zu haben und zum anderen tendieren wir dazu, zu allem und jedem eine Meinung zu äußern – unabhängig von der Tatsache, ob wir eine Ahnung haben, wovon wir sprechen oder nicht. Ein Zugeständnis an ein Leben, bei dem die andere Seite der Welt nur einen Klick entfernt ist. Wir sind nicht mal in der Lage, die Haustür zu öffnen, geschweige denn eine Reise zu unternehmen, egal wie fremd das Land sein mag, ohne irgendeine Erwartungshaltung.

Kürzlich war ich während einer Reise in Tanger, Marokko. Das ist Afrika, aber auch irgendwie Europa. Und zu 99% muslimisch. Die Stadt ist geprägt von einer langen und bewegten Geschichte. König Mohammed VI. investiert gerade Unsummen in die Modernisierung. Tanger wird auch „Die weiße Stadt“ genannt, da die Gebäude die Sonne so lebhaft wiederspiegeln. Im Vorfeld gab es einen Vortrag, bei dem der Lektor uns ausführlich informierte. Auch, dass in den Cafés keine Frauen sitzen, sich unterhalten und Minztee trinken. Geschäfte sind Männersache. Ich versuchte, mir vorzustellen, ob ich in solch einer Welt leben könnte: Exotisch und bestimmt durch Traditionen und tief verankerte Ansichten. Und ich wollte unbedingt die Medina und das Treiben erleben.

Als Frau mit leichtem blond-grau Stich und recht blasser Haut hatte ich so meine Bedenken, mich allein in die Altstadt zu begeben. Also habe ich mich einer Reisegruppe angeschlossen. Ich trug einen bodenlangen, losen Rock, eine hochgeschlossene, lockere Bluse und eine Strickjacke, die meine Hände über die Gelenke hinweg bedeckte. Sogar meine Schuhe waren angemessen – flach und geschlossen. Keine grellen Farben (grau/beige/weiß), nichts, was mich hätte herausstechen lassen. Soweit, ein Kopftuch zu tragen, bin ich nicht gegangen, aber meine Haare habe ich in einem festen Dutt befestigt. Immerzu in der Annahme, dass ich die allgemeinen Erwartungen und Gepflogenheiten respektieren kann, aber auch zu zeigen, dass ich nicht mit allen Vorschriften einverstanden bin und mich verbiegen lasse. Schließlich bin ich Europäerin. Gewohnt, meine Meinung frei zu äußern und trotzdem tolerant zu sein. Zu respektieren und respektiert zu werden. Was soll ich sagen: Unmittelbar, nachdem wir den Hafen verlassen hatten, fühlte ich mich nackt. Wir leben in einer Scheinwelt. Es gibt Dinge, die wir sehen und solche, die wir sehen wollen.

Illusion

Zu den auf der Hand liegenden Punkten: Nein, ich könnte niemals nur Hausfrau sein. Ohne Arbeit – also meinen derzeitigen Job – aber sehr wohl. Aber das ist ja nicht dasselbe. Ich wäre nicht glücklich, nur mit Kochen, Putzen, Kindererziehung und häuslichen Aufgaben, aber ich bewundere all jene, die darin aufgehen.

Nr. 2: Machos: Ja, da werde ich schwach, aber ich hasse es, weil ich es nicht leiden kann, wenn mir jemand sagt, was ich tun soll und was ich zu mögen habe. Gut, die Machos, von denen ich rede, sind meist nur Machos nach außen hin. Innerlich sind sie voller Selbstzweifel, unsicher und eigentlich auf Grund irgendwelcher mentalen Schwierigkeiten, welche sie durch ihr vorgetäuschtes Machogehabe zu kompensieren versuchen, einfach nicht in der Lage, ein normales Leben zu führen. Tut mir leid, Jungs. Schätze, ich habe einfach immer nur diesen einen Stereotyp in meinem Leben getroffen.

Ah, und die getrennte Schlafzimmer. Super Idee. Aber warum nicht gleich getrennte Wohnungen? So hat man wenigstens eine Rückzugsmöglichkeit, um seine Spleens auszuleben und z.B. mit Gurkenmaske abends ins Bett zu steigen. Schließlich muss der geliebte Mensch ja nicht alles zu sehen bekommen, richtig? Nicht, dass ich so was mache, aber auch ich werde älter und wer weiß schon, was die Zukunft bringt.

Wer es noch nicht gemerkt hat: Weihnachten steht vor der Tür, der Vorweihnachtsstress hat schon begonnen. Was wäre da besser als eine Komfortkarte. Nr. 19.: „Sie geben sich der Muße hin: Gestatten Sie sich, mal so richtig faul zu sein. Reservieren Sie einen Tag im Kalender, den Sie von morgens bis abends im Bett verbringen werden – mit Schlafen, Lesen oder Sex.“ Gut, also für die Aufgabe überlege ich noch, ob getrennte Schlafzimmer oder besser nicht. Aber die Frage ist doch, warum das „oder“? In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

3 Gedanken zu „Scheinwelten

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