Kleidergeschichten

Karte Nr. 17: “’Sie fühlen sich unschlagbar: Tragen Sie Ihr schönstes Kleid und genießen Sie die Blicke. Ein normaler Tag wird so zu etwas Besonderem – und jeder kann es sehen.“

Kleiderschrank

Zuerst wollte ich nur das Bild veröffentlichen und jeder könnte sich seine eigene Geschichte dazu denken. Ich hatte wirklich einen schlechten Monat. Wetter, Arbeit, Familie, Freunde, Leben, das ganze Paket. Mag sein, dass es an der Jahreszeit liegt. Unter Umständen liegt es auch an mir. Wer weiß? Alles, was ich weiß ist: Ich habe mich nicht unschlagbar gefühlt. Und ich habe auch keine Blicke kassiert. Ich denke: Was ist nur verkehrt mit dieser Welt? Was stimmt mit mir nicht? Vielleicht waren es die falschen Kleider. Vielleicht bin ich blind. Vielleicht gibt es keine normalen Tage mit normalen Menschen mehr. M. sagt immer, dass mir Kleider stehen. Hm.

Ich habe versucht, mich zu erinnern, welches Kleid ich wann getragen habe. Schlussendlich haben alle Kleider eine Vergangenheit und eine Geschichte.

Da ist das Spitzenkleid, dass ich zusammen mit einen Freund gekauft habe, als wir einen spontanen Ausflug ans Meer gemacht haben. Das blaue Sweatshirtkleid mit der Kapuze, das ich während des Italienurlaubes immerzu anhatte, als ich eine kleine Hütte gemietet hatte und eine solch riesige Melone auf dem Markt gekauft habe, die ich nicht aufessen konnte, bevor sie schlecht wurde. Das lange, rote Trägerkleid mit den Punkten, das grüne Samtkleid und das rote Dirndl – allesamt für Hochzeiten angeschafft, auf die ich nicht keine große Lust hatte, aber trotzdem hingehen musste. Das blaue Seidenkleid mit den Pailletten, ein Impulskauf, der noch immer auf eine geeignete Gelegenheit wartet. Die kurze, schwarze Seidentunika mit den rosa und lila Quadraten, die ich bei einer Städtetour abends in der Bar anhatte, während der Klavierspieler sein Bestes gab. Das lange, schulterfreie Abendkleid, welches ich für eine Silvesterparty erworben habe, auf die ich dann nicht gegangen bin. Das enge, lila Jerseykleid, in dem ich so gern an Couchtagen rumgammel. Das graue Dirndl, ausgesucht für eine Firmenveranstaltung. Das schwarze A-Linien-Kleid mit dem weißen Grafikmuster, für das ich Ewigkeiten nach einem Shirt zum Drunterziehen gesucht habe. Die verschiedenen Strickkleider in grau, braun und hellgrün, die sich so gut auf der Haut anfühlen und einfach bequem sind. Das weiße Strandkleid, das ich in Ägypten während des all-inclusive Urlaubes in dem schicken 5-Sterne-Hotel getragen habe. Das blaue Blusenkleid, das ich gern im Garten anhabe. Das Safarikleid, welche bis dato noch nie auf einer Safari war. Das graue Leinenkleid mit dem tiefen Rückenausschnitt und dem Schlitz, das man ohne Unterrock nicht ausführen kann. Das Wickelkleid mit den weißen und rosa Blumen, welches so gut zu den silbernen Riemchenschuhen passt. Das beige Etuikleid, das ich nur anziehe, wenn es mehr als 30°C sind und ich eine gewisse Bräune habe – also einmal im Jahr.

Aber eigentlich will ich gar nicht in Erinnerungen schwelgen. Weil dann müsste ich wohl mein Hochzeitskleid aus dem Kleidersack holen und endlich entscheiden, was ich damit anfange. Irgendwie hat es mir nie so richtig gepasst. Aber wie jede Braut bildete ich mir ein, ein Kleid ausgesucht zu haben, welches ich später nochmals anziehen könne. Und habe vom Stil her ein Jackie-Kennedy-Kleid ausgesucht. Vermutlich sollte ich es einfach ändern lassen und einfärben. Et voilà: Der perfekte Cocktaildress. Nur schade, dass ich nie zu irgendwelchen Cocktailempfängen gehe.

Glücklicherweise steht Halloween vor der Tür und ich kann mein Hexenoutfit aus der Versenkung holen. Zusammen mit der silbergrauen Perücke und dem langen Umhang. Und wenn ich die Hakennase mit der Warze trage, kann ich sicher sein, dass ich zumindest dann den einen oder anderen Blick erhalte. Bis dahin ziehe ich das unverschämt teure, bodenlange graue Kleid, welches gerade erst seine Kleidergeschichte beginnt, weil neu, und spiele Aschenputtel.

Nr. 18. Was mache ich nur? Ich brauche dringend ein bisschen Ordnung in meinem Leben. Daher ist eine Sinneskarte wohl eine gute Wahl: „’nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern seine Meinung über die Dinge’ – Epiktet. Hinterfragen Sie eine Ihrer Überzeugungen, etwa hinsichtlich Hausfrauen, Machos oder Paaren mit getrennten Schlafzimmern.“  Herrje, ich fühle mich schon jetzt überfordert und brauche beim besten Willen keine zusätzlichen Herausforderungen für meinen wirren Gedankenhaushalt. Na denn. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

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