Die Bank – die eine Seite der Münze

Vorwort: Vor einiger Zeit habe ich die Kategorie „Mein Leben und andere Katastrophen“ eröffnet. Realistische Geschichten mit einer Prise Wahrheit. Und diese Geschichte passt einfach perfekt.

Voller Sorge machte ich mich auf den Weg. Dabei hatte der Tag so gut angefangen. Nachdem am Abend zuvor mehrere Gewitter über die Hütte hinweg fegten, war morgens der Himmel klar und die Sonne schien, als wir mit unseren Rücksäcken aufbrachen. Noch während des ersten Anstieges war mir bereits so warm, dass ich meine Jacke ausziehen musste. U. indessen ging voraus. Immer meinte sie, sie wäre zu langsam und ich würde sie dann schon einholen. Oben angekommen war aber weit und breit keine Spur von ihr. Sonst wartete sie doch immer. Gut, weiter ging es. Nach knapp 100m zweigte der Weg links von der Fahrstraße ab. Doch keine Spur von U.. Das war schon sehr merkwürdig. Ich hatte doch nur meine Jacke ausgezogen. Sie konnte maximal einen Vorsprung von 3-4 Minuten haben. Ich legte einen Zahn zu. Aber nach kurzer Zeit war mir klar, das kann nicht sein. So weit kann U. nicht voraus gelaufen sein. Kein roter Rucksack, keine rote Haube in Sichtweite. Also schnallte ich meinen Rucksack ab und sprintete den Weg nochmals bis zur Abzweigung zurück und dann die Straße bergan. An der nächsten Biegung war eine Abzweigung. Ein Schotterweg ohne Ausschilderung. Sie wird doch nicht. Andererseits. Doch nachdem ich diesem einige hundert Meter im Laufschritt gefolgt war, blieb ich schnaufend stehen, immer wieder U.’s Namen rufend. Nichts. Leicht ratlos und mit ersten Anzeichen von Sorge lief ich zurück zum Rucksack. Hoffentlich ist nichts passiert. Wo kann sie nur sein? Ein paar Mal lief ich noch hin und her. Wohl mehr aus Hilflosigkeit, als mit einem echten Plan. Warum musste sie auch vorweg laufen? Immer wieder heißt es, am Berg zusammen bleiben!. Und was macht sie? Rennt einfach immer weiter. Na toll. Und jetzt?. Also gut, hier konnte ich nicht bleiben. Und vielleicht war sie ja doch schon so weit vorweg und ich nun durch diese erfolglose Suchaktion nur noch weiter zurück gefallen.

Und so machte ich mich voller Sorge auf den Weg, den ich trotz des traumhaften Wetters und der tollen Landschaft überhaupt nicht genießen konnte. Wie sollte ich sie nur wieder finden? Sie hatte keine Karte, Handy funktionierte auch nicht. Perfekte Aussichten für einen dieser Rettungseinsätze wegen Unvorsichtigkeit. Vor meinem inneren Auge tauchten sämtliche Horrorszenarien auf. Hin und wieder begegneten mir andere Wanderer und jeden fragte ich, ob eine Frau mit roter Kappe und rotem Rucksack gesichtet worden wäre. Alle verneinten.

Nach knapp zwei Stunden war ich nervlich am Ende und meine Kraft ließ auch nach. Ich hatte bestimmt schon hundertmal in die Karte gesehen und überlegt, wo U. sein könnte. Wenn sie tatsächlich dem Schotterweg weiter gefolgt war, dann würde sie kurz unterhalb des Gipfels an eine Hütte kommen. Dort könnte sie dann evtl. fragen, wie sie wieder auf den Weg kommt, wenn sie feststellt, dass wir uns verloren haben. Zu der Hütte gibt es noch einen zweiten Zustieg. Das heißt, sie könnte darüber absteigen und wäre wieder auf dem richtigen Weg. Insofern müsste ich mich lediglich an dieser Stelle positionieren und warten. Aber dazu muss sie natürlich an der Hütte ankommen und fragen. Das klappt doch niemals! Also schön, ich gehe bis zu der Abzweigung und warte einfach dort so lange bis sie kommt, oder bis es anfängt, dunkel zu werden und ich die Rettungskräfte alarmieren kann.

An dem gedanklich erarbeiteten Treffpunkt befand sich ein kleiner Hof. Malerisch gelegen und mit herrlichem Blick ins Tal. Ach ja, wie gern hätte ich auch so eine kleine Alm und könnte ein einfaches, aber glückliches Leben führen. Blumen und Kräuter anpflanzen. Die Tiere füttern und auf die Weide bringen. Sehr schön. Diese Ruhe. Und dieser Blick. Und die ganze Natur. Herrlich! Etwas abseits des Hofes stand eine Bank auf einer Anhöhe. Der perfekte Rastplatz. Dort werde ich warten und erst mal etwas essen. Ah, da sitzt schon jemand. Den frage ich gleich mal, ob der Weg, den man nach oben verlaufen sieht, auch zu der Hütte führt und ob er U. gesehen hat. Vielleicht ist er ja gerade von oben runter gekommen und macht nun Rast hier. „Sagen Sie, der Weg da, führt der zu der Hütte hier?“ Ich deute auf die Karte. „Weiß nicht“, erhalte ich als Antwort. „Ist vielleicht eine Frau mit rotem Rucksack und roter Kappe von dort runter gekommen?“, starte ich noch einen Versuch. „Keine Ahnung.“ Also gut, das war wohl nichts. Ich hole tief Luft und seufze. Was nun?

Der Mann sitzt mitten auf der Bank. Zu seiner Rechten wäre Platz, da steht aber ein Auto direkt vor der Bank und versperrt die Aussicht. Auf die Landschaft und noch wichtiger: Auf den Weg. Linker Hand ist Platz. Ein Pilz wuchert dort aus einem Spalt. Mit meinem Stock kratze ich ihn weg. „Den können Sie doch da lassen! Ist doch genug Platz da“, meint er und deutet nach rechts. „Ich möchte mich hier aber gern hinsetzen“, erwidere ich etwas unwirsch. Das wird ja immer besser: Total unhilfsbereit und dann auch noch Vorschriften machen, wo man sich hinsetzen soll. Sieht der denn nicht, dass ich kurz vorm Durchdrehen bin? Was, wenn U. etwas passiert ist? Und ich später erklären muss, dass ich einfach weiter gegangen bin? Was glaubt er eigentlich, wer er ist? Hat wahrscheinlich keine Ahnung, was in den Bergen alles so passieren kann. Den Schuhen nach zu urteilen, jedenfalls nicht. Hat auch nur eine Plastikflasche mit Wasser dabei. Und sonst nichts.

Schweigend setze ich mich hin. Nun bin ich nicht nur verzweifelt, sondern auch noch wütend. So was von unfreundlich ist mir schon lange nicht mehr begegnet. Nur aus reiner Notwendigkeit zwinge ich mich, ein paar Bissen zu vertilgen. Immer wieder schaue ich nervös zum Berg und in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Nichts. Nach einer Weile steht der Mann auf. Ohne Gruß und ein weiteres Wort. Ja, solche Leute kann ich gut leiden. Null Mitgefühl und unfreundlich obendrein. Er folgt dem Weg und geht dann ins Haus. Super! Der Besitzer selber! Oh Mann! Wahrscheinlich hat er den Pilz selbst gezüchtet. Seit Jahren! Und dann komme ich und mache ihn kaputt. Er hätte aber auch ein Stück rücken können. Hat ihm bestimmt nicht gepasst, dass ich mich auf die Bank setzen wollte. Seine Bank. Ich gehe jetzt rüber und entschuldige mich und sage, dass ich echt verzweifelt bin und nicht weiß, was ich tun soll. Und dass es keine Absicht war usw. Aber wütend bin ich irgendwie noch immer. Jetzt noch mehr. Sturer Bergschrat. Bekommt ihm anscheinend nicht gut, so viel frische Luft.

Ich ärgere mich so sehr, dass ich fast vergesse, wie verzweifelt ich bin. Doch dann ist es wieder da, das ungute Gefühl und die Hilflosigkeit. Und so sitze ich eine ganze Weile auf der Bank ohne Pilz.

 

…Fortsetzung folgt

Ein Gedanke zu „Die Bank – die eine Seite der Münze

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