Der Anruf

Karte Nr. 12: „’Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen’, Karl Jaspers. Sie sind eine Tochter, Cousine, Nichte bzw. Sohn, Cousin, Neffe. Rufen Sie ein Familienmitglied an, bei dem Sie sich lange nicht gemeldet haben.“

Es klingelt. Einmal. Zweimal. Dreimal. Vielleicht habe ich Glück und er nimmt nicht ab, denke ich. Viermal. Was mache ich, wenn ich ihn nicht erreiche? Fünfmal. „Hallo?“ „Hallo. Papa.“ Kurz zögere ich. Soll ich sagen: Ich bin’s. Kerstin. Aber wer sollte sonst ‚Papa’ sagen? Ich bin das einzige Kind. „Alles Gute zum Geburtstag.“ „Ja. Danke.“

Und jetzt? Warum habe ich mir nichts zurecht gelegt? Stichpunkte gemacht? Jetzt bloß nicht den Faden verlieren. Welchen Faden? „Wie geht es Euch? Wie geht es Dir?“ Ja, eigentlich will ich wissen, wie es meinem Vater geht. Ihm ganz persönlich. Ganz ehrlich. Ist er glücklich? Lebt er so, dass es ihm gut geht? Aber all das frage ich natürlich nicht. „Uns geht es gut. Freunde aus Stuttgart sind da.“ Freunde aus Stuttgart? Nie von denen gehört. Aber im Grunde scheint es auch nicht verwunderlich. Warum auch? Wir telefonieren zweimal im Jahr und tauschen Belanglosigkeiten aus. „Noch einen Tag, dann sind wir am Unterrhein.“ „Ach, dann seid Ihr schon wieder in Deutschland?“ Blöde Frage. Seit Jahren fährt er im Oktober fort und kommt im April zurück. „Ja, dann waren wir ein halbes Jahr in Portugal. Das achte Jahr.“ Oh Gott, wie die Zeit vergeht. „Oh, Wahnsinn wie die Zeit vergeht.“

Ja, das läuft doch ganz gut. Immer schön weiter reden. Aber was? Seit ich denken kann, habe ich nicht ein Gespräch geführt, das nicht irgendwie aufgesetzt und qualvoll war. Wir haben uns nichts zu sagen. „Wie ist das Wetter?“ Herrje, klischeehafter, langweiliger geht es wohl kaum. „Gut, natürlich nicht so warm wie in Portugal.“ „Also, hier hat es den ganzen Winter nicht geschneit.“ „Ach. Dann wird es ja jede Menge Plagegeiser geben.“

Ok. Das Wetter ist abgehakt. Ich brauche ein neues Thema. „Wart Ihr Ski fahren?“ Hat mich mein Vater gerade etwas gefragt? „Ja“, antworte ich perplex. „Wo wart Ihr denn?“ „In Saalbach.“ „Ach ja.“ „Ja, mit U. Da waren wir letztes Jahr auch schon. Schnee war nicht so viel. E. fährt Snowboard“, sprudelt es aus mir heraus. So viel Info wie möglich. „Snowboard? Ja, die jungen Leute fahren heute alle Snowboard.“ „Skifahren kann er auch, aber er wollte jetzt Snowboard lernen.“ Als ob ich mich rechtfertigen müsste, dass er nicht genauso gern und gut Ski fährt wie ich es getan habe.

„Und was macht die Schule?“ Noch eine unerwartete Frage. Wie kann es sein, dass er mich jahrelang immer nur angerufen hat, wenn er etwas gebraucht hat und nun auch einmal Interesse zeigt? Tief in mir zweifele ich, ob es wahres Interesse ist oder nur gesellschaftlicher Smalltalk. „Ja, ist gut.“ Und dann will ich gar nicht mehr aufhören. Erzähle von der Schule, den Fächern, Sport und allem, was dazu gehört. Am liebsten würde ich all die verpassten Chancen in diese paar Minuten packen. Ein Bild für ihn aufbauen, damit er eine Ahnung hat, wie es mir geht. „Gleich kommen unsere Freunde aus Stuttgart.“ Oh ja, das. „Mit denen gehen wir zum Essen.“

Ja, das ist wohl das Zeichen, dass das Gespräch lange genug gedauert hat. Bloß nicht zuviel Intimität aufkommen lassen. Am Ende könnte bei jedem der Eindruck entstehen, wir vermissen einander. „Ja, ist gut. Feiert schön.“ „Schick mir doch mal Deine neue Adresse.“ „Ja klar, mache ich.“ Innerlich sträube ich mich. Was für ein Blödsinn. Ist ja nicht so, dass er mich plötzlich ohne Ankündigung besuchen würde. Warum also? Will ich mir die Enttäuschung ersparen, die entsteht, wenn zu Geburtstagen oder anderen Feiertagen keine Karte oder Geschenk den Weg zu mir findet? „Mach’s gut. Viel Spaß.“ Ich liebe Dich Papa, füge ich in Gedanken hinzu.

– – –

Ich gebe zu, ich hatte Schützenhilfe in Form eines Geburtstages und ich bin mir nicht sicher, ob ich auch so geschafft hätte. Aber für ein paar Tage war ich glücklich. Glücklich, dass ich angerufen habe und nicht nur eine Karte oder ein E-Mail geschickt habe. Glücklich, weil er Interesse gezeigt hat. Glücklich, weil es sich so anfühlte, als ob unsere Beziehung doch noch eine Chance zum Besseren hätte. Es fühlte sich gut an. Ich fühlte mich gut. Dann kam mein eigener Geburtstag. Und er ging. Ohne Anruf. Ohne ein Wort von meinem Vater.

Die Last, die Familie bedeutet. Sie wiegt schwer und erdrückt einen. Saugt einen aus. Bis die Gedanken sich immer und immer wieder im Kreis um diese eine Frage drehen: Warum?

 – – –

Ganz ehrlich: Ich habe so gar keine Lust, eine neue Karte zu ziehen. Vielleicht hat M. recht. Seit ich dieses Experiment angefangen habe, bin ich deprimiert und stelle mir bei allem und jedem die Frage nach dem Sinn. Ok, keine Sinnkarte. So viel ist mal klar. Lieber Komfort. Bitte lass’ es eine gute Karte sein. Oh, nein, ich sehe Depressionen am Horizont aufziehen: “Sie spazieren auf den Pfaden Ihrer Kindheit: Tauchen Sie ab in eine heile Welt und leihen Sie sich einen Film aus Kindertagen aus: ’Lassie’, ‚Pippi Langstrumpf’, ‚Cinderella’…“ Ich besorge besser gleich auch eine Großpackung Taschentücher. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

4 Gedanken zu „Der Anruf

  1. Mir geht es zu allen Feiertagen so, wenn ich meine Mutter anrufe. So oder so ähnlich zumindest. Ich glaube, ich kann deine Gefühle recht gut nachvollziehen.
    LG
    Alexis

    • Danke, ja, es immer wieder erstaunlich, wie unbeholfen man doch als „Kind“ ist. Bei Freunden hätte man schon lange Klartext geredet bzw. würde die eigenen und Worte des Gegenüber nicht auf die Goldwaage legen.

      • Ja das stimmt allerdings. Man rutscht halt immer in die Rolle zurück, denke ich, selbst wenn man erwachsen ist.

  2. Pingback: Am Ende ist es gut | alltagseinsichten

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