Lesestunde

Karte Nr. 10: „Erschließen Sie neue Welten, indem Sie neue Worte finden: Lesen Sie Ungewohntes, etwa den Wirtschaftsteil Ihrer Zeitung und bereichern Sie so Ihr Vokabular. ‚Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt’, lehrt uns der Philosoph Ludwig Wittgenstein.“

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe es wirklich versucht. Also, das mit dem Wirtschaftsteil. Sonntags habe ich schon immer gern eine weltliche Zeitungsausgabe gekauft und mich dann von einem Leseort zum nächsten bewegt, abwechselnd Tee und Kaffee trinkend, Sektion für Sektion durcharbeitend, wobei ich den Reiseteil immer für den Schluss aufgehoben habe. Als Dessert sozusagen. Teile wie Finanzen, Auto, Immobilien und Wirtschaft wurden dabei recht grobflächig überflogen. Aber die Aufforderung, einem für mich recht trockenen und wenig interessanten Genre näher auf den Grund zu gehen und dabei auch noch etwas zu lernen, Vokabeln, sehr abschreckend, da es einen doch gleich an die Schulzeit und das Büffeln von eben solchen erinnert.

Hilft nichts, dachte ich mir, da musst Du jetzt durch. Der Sonntag kam und mit ihm die Sonntagszeitung. Im Wirtschaftsteil ging es um den Kinofilm „Wolf of Wall Street“. Tja, nicht direkt um den Film als vielmehr um die Nebenfigur des Steve Madden, der heute Schuhe entwirft und im Gefängnis war wegen der Aktiengeschäfte, um die es im Film geht. Oh, Schuhe, bei Thema werde ich immer hellhörig. Leider sind diese derzeit in Deutschland nur per Online-Versand zu haben. Oh, prima, muss ich nicht zum Shoppen nach USA reisen. Zum Glück gab es meine Größe nicht, sonst hätte ich neben dem Neuerwerb dieser wahnsinnig wichtigen Information auch noch ein paar schicke Schuhe dazu bekommen, denn Steve Madden designt sehr hübsche Treter.

Gut, der erste Versuch, der Aufgabe gerecht zu werden, war jetzt nicht so erfolgreich. Von daher habe ich die Aufgabe etwas großzügiger ausgelegt und mich auf den Part „Lesen Sie Ungewohntes“ fokussiert. Beim nächsten Einkauf habe ich die Zeitschriftenregale angesteuert. Man möchte meinen, bei der Auswahl, immerhin sind es bestimmt 10 laufende Meter, 4 Reihen hoch und 3 Reihen tief, sollte sich leicht etwas finden lassen, mit dem man sich bilden kann. Zielsicher habe ich das Handwerkerressort angepeilt. Irgendwie habe ich mir eingebildet, dass ich ja neben der Spracherweiterung vielleicht auch gleichzeitig mein Handwerkskönnen aufbessern könnte. Mit dem Einzug in mein neues Heim fällt ja doch irgendwie immer irgendwo irgendwas an, an dem man schrauben, hämmern, sägen usw. kann. Zum Beispiel würde ich ganz schrecklich gern einen handgemachten Tisch haben. So einer, der „lebt“. Selbstgemacht noch viel besser. Mein Vater hat früher immer die Ausgaben für den selber machenden Mann gekauft und da waren tolle Tipps und Tricks und Anleitungen drin. Tja, leider war nichts Derartiges zu finden, um mir mich in meinem Vorhaben Tisch zu unterstützen. Auch von den übrigen bunten Blättern konnte mich keines zum Kauf animieren.

Und so kam der nächste Sonntag und ein neuer Versuch, den von mir verschmähten Zeitungsabschnitten etwas Positives abzugewinnen. Und tatsächlich stand im Autoteil ein Artikel über die Icons im Fahrercockpit. Die kennen wir alle: Zapfsäule für „Bitte Tanken“, Kreis mit Ausrufezeichen für „Handbremse ist angezogen“ usw.. Erstaunlicherweise gibt es mittlerweile so viele von den kleinen Bildchen, dass die wenigsten Autofahrer wissen, was diese bedeuten. Hinzu kommt, dass die Hersteller oft unterschiedliche Zeichen für gleiche Anzeigen verwenden. Negativ ist auch, dass dieses ganze Wirrwarr an Informationen den Autofahrer mehr ablenkt als dass es zu Sicherheit und Komfort beiträgt. Für mich also ein Vorteil, denn in einem Kleinwagen, wie ich ihn mein eigen nenne, sind solch technische Spielereien von Haus aus auf Grund Budget- und Raumangebotsgrenzen nicht vorgesehen bzw. auf das Nötigste wie „Bitte Tanken“ und „Handbremse ist angezogen“ limitiert. Glück gehabt. Nicht schlecht fand ich allerdings das Icon der Kaffeetasse, welches dem Autofahrer anzeigt, dass er eine Pause machen soll. Das wiederum ist aber noch Zukunftsmusik und bis dahin sind Raststationen bestimmt durchweg auch als Drive-through angelegt oder das Auto kocht den Kaffee selbst, womit das mit dem Pause machen dann natürlich nicht mehr so richtig funktionieren würde.

Tja, so wirklich was dazu gelernt habe ich natürlich nicht, außer dass auch zähe Themen einen gewissen Reiz haben können. Ich bin dann noch an einem Interview mit dem Schauspiellehrer und Coach Bernard Hiller hängen geblieben, in dem er sagte: „….Wir leben in einer Welt, in der kein Platz mehr zu sein scheint, sich von reiner Leidenschaft verführen zu lassen…..Wir denken den ganzen Tag. Der Kopf aber ist unser größter Feind……Der Mensch ändert sich erst, wenn er die Komfortzone verlässt….“. Dies war letztendlich der Ausschlag, mich in diese Richtung etwas weiter zu bewegen und es entstand die Idee, Bücher zu lesen, deren Geschichten in einem mir unbekannten Land spielen und von einem Schriftsteller des jeweiligen Landes geschrieben sind. So was wie Heimatromane im weitesten Sinne. Nur eben etwas näher dran an der Realität, wenn möglich der gegenwärtigen. Nicht, dass ich bis dato keine Werke mit diesen Merkmalen gelesen hätte, aber wenn, dann geschah das eher, weil der Inhalt mich interessiert hat und nicht der Autor bzw. das Land, das die Grundlage der Lektüre bildete. Den Anfang machte Rumänien. Warum Rumänien? Na, irgendwo muss ich ja anfangen. Der Roman hieß „Der blinde Masseur“ von Catalin Dorian Florescu. Tolle Geschichte, kann ich nur empfehlen. Als nächstes habe ich mir Portugal vorgenommen. „Die natürliche Ordnung der Dinge“ von António Lobo Antunes. Mal sehen, was sonst noch so alles auf meiner Bücherwunschliste landet. Wenn jemand eine Empfehlung hat: Immer her damit.

Und zum Vokabellernen habe ich mir „Hilfe“ besorgt. Wer fast vergessene Wörter neu entdecken möchte, kann dies im Wortfriedhof beim Gescheuchten Igel tun.

Eure Kerstin

P.S.: Fast hätte ich es vergessen: Neue Karte ist eine Komfortkarte. „Sie sind ganz und gar auf Genuss eingestellt: Kochen Sie Ihr Lieblingsessen oder bereiten Sie Ihr Traumdessert zu. Diesmal wird nicht an die Figur gedacht – es zählt nur der Spaß am Schlemmen“. Na, das ist doch mal ein Wort zum Sonntagskuchen. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Ein Gedanke zu „Lesestunde

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