Reise in die Vergangenheit

“Ein Leben ohne Freunde ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus.” Demokrit. Machen Sie eine Liste mit Menschen, die Ihnen wichtig sind – und schreiben Sie auf, warum das so ist.

Heute mal wieder eine Rückkehr zum Experiment mit Karte Nr. 7 aus der Kategorie Sinn.

Das sollte im Grunde eine einfache Übung sein, So eine Liste ist schnell erstellt. Zu schnell manchmal. Und bevor nun der/die eine oder andere hofft, (nicht) auf dieser Liste zu erscheinen, komme ich nochmals auf den Ursprung der Karten zurück. Diese waren ja sicherlich in erster Linie für einen selbst und eher weniger für den Anschlag am schwarzen Brett bzw. als Blogpost angedacht.

Freunde sind doch etwas sehr Privates. Und Freundschaften erfordern viel Arbeit und Vertrauen, denn Freunde sucht man sich aus. Freunde sind Schätze, die es verdient haben, dass man sie schützt. Von daher habe ich die Aufgabe ein kleines Bisschen abgeändert und bin mehr auf den Nachsatz „..eine Liste mit Menschen…“ eingegangen und habe jemanden gewählt, der mir im Grunde alles verzeihen würde und den ich sehr vermisse: Meine Mutter, die starb, als ich noch zu jung war. Nicht dass ich nicht alt genug im Sinne von Jahren gewesen wäre, aber ich war noch nicht alt genug im Sinne von gedanklich reif, sie gehen zu lassen. Ehrlich gesagt, bin ich mir auch heute nicht sicher, ob ich jemals dazu reif gewesen wäre.

Zugegeben, es ist recht grausam, darüber nachzudenken, dass die eigene Mutter irgendwann nicht mehr da sein könnte und einen allein in dieser Welt zurück lässt. Neben der Tatsache, dass man sich plötzlich als Nächste(r) in der Reihe wiederfindet, wird man einem schlagartig bewusst, dass eine lebenslange Vertraute plötzlich fort ist und man sich somit auf jemand anderen verlassen muss, der einen auffängt. Die eigene Fähigkeit, jemandem vollends zu vertrauen, wird auf eine harte Probe gestellt. Die Suche nach diesem besonderen Menschen, der in der Lage ist, die eingestürzte Säule des Lebensfundamentes zu flicken, ist ein langer, einsamer Weg.

Dass eine Mutter aller Wahrscheinlichkeit nach die wichtigste Person im eigenen Leben ist, lässt sich schwer leugnen und wir alle haben unsere Gründe, warum das so ist. Selbst solche, die keine Mutter für ihre Kinder sind, haben diesen Status, denn auch sie prägen und formen das zurück gelassene Leben nachhaltig. Für mich ist meine Mutter wichtig, da sie mich hat gehen lassen. Als ich auf dem Weg in mein eigenes Leben war, bereit, meine Flügel zu öffnen, war sie die sanfte Brise, die meinem Absprung Auftrieb verlieh. Sie gab mir die nötige Sicherheit und Zuversicht. So lange ich zurück denken kann, wusste ich immer, dass ich jederzeit nach Hause zurück kehren könnte, sollte das Leben stärker sein als ich. Dafür bedurfte es keiner Worte. Ihr Vertrauen folgte mir überall hin.

Nun, ich zog nicht einfach nur aus – in eine Bleibe in der Nachbarschaft oder in eine andere Stadt. Als ich mein Elternhaus verließ, ging ich nach Spanien, ca. 1600km entfernt, und mir fällt keine einzige Unterhaltung ein, bei der sie Einwände oder Ängste äußerte. Im Gegenteil, meine Mutter gehörte zu denen, die mich in meinen Vorhaben immer wieder bestärkten. Und das war Anfang der 90er – wohlgemerkt. Damals benötigte man für Spanien noch ein Visum, um dort arbeiten zu dürfen. Als sie mich dann dort einmal besuchte, spürte ich, wie stolz sie war und wie sehr sie die Tage für sich selbst genoss. Ich entsinne mich, wie komisch ich es fand, sie so entspannt und glücklich zu sehen. Meine Mutter war wie ausgewechselt und so ganz anders als zuhause. Und da erkannte ich auf einmal das Leben, welches sie für sich selbst gewünscht hätte, aber ihr als Frau in der damaligen Zeit nicht offen stand, oder aber, weil sie es am Ende vielleicht doch gewagt hatte.

Nach ihrem Tod suchte ich verzweifelt nach einem Zeichen von ihr. Nach ihrer Anwesenheit. Ich versuchte krampfhaft, etwas fest zu halten, etwas zu greifen, was nicht da war. Ich wollte sie anschreien: „Wie konntest Du mich gehen lassen, wenn ich noch nicht bereit war, Dich gehen zu lassen!“ Ich hasste sie dafür, dass sie nicht stark genug war, für sich und ihr Leben zu kämpfen. Und ich hasste mich umso mehr, weil ich nicht stark genug gewesen war, für sie zu kämpfen. Denn das hatte sie mir beigebracht: Für das Leben, welches man sich erträumt, zu kämpfen und sich nicht von jemandem einreden zu lassen, dass Träume nur Schäume sind. Wenn ich Bilder von ihr betrachtete, versuchte ich den Punkt auszumachen, an dem aus dem fröhlichen, unbeschwerten Mädchen die stille und selbstlose Person meiner Mutter geworden war. Manchmal glaube ich, sie verwendete all ihre Energie darauf, damit ich später das Leben leben konnte, welches ich mir wünschte. Im wahrsten Sinne des Wortes, gab sie ihr Leben für meins. Aber dann verschwand sie. Ohne ein Wort. Ließ mich zurück. Ungeschützt. Verletzlicher, als ich ertragen konnte.

Heute frage ich mich jeden Tag: ‚Bin ich die Person geworden, die Du Dir gewünscht hast?’ Und wenn ich Fotos von mir sehe, begleitet mich jedes Mal die Angst, eine stille und gebrochene Frau zu erblicken, welche noch immer nach diesem jemand sucht, der die einst zerstörte Lebenssäule flickt. Noch immer auf der Suche nach einem warmen Licht, das mir den Weg zum nächsten Gasthaus weist.

Karte Nr. 7 war kräftezehrend. Gedanklich und gefühlsmäßig eine Reise in Vergangenheit. Als neue Karte habe ich daher eine Wohlfühlkarte ausgewählt: „Schaffen Sie sich Platz: Feng-Shui für die Seele. Trennen Sie sich von Ballast, den Sie schon lange loswerden wollen – egal ob von der Nervensäge auf Facebook oder dem kaputten Radio in der Küche.“ Wie wahr, manchmal muss man sich von etwas trennen, um nach vorn blicken zu können. Da ich weder auf Facebook bin, noch ein kaputtes Radio habe, werde ich für diese Aufgabe wohl etwas tiefer graben müssen. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

Eure Kerstin

2 Gedanken zu „Reise in die Vergangenheit

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