Erinnerungsfetzen

“Spielen Sie mit Ihrer Phantasie: Kurbeln Sie Ihre Kreativität an und schreiben Sie ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte, worin folgende Worte vorkommen: Herz, Waffel, Sonne, zärtlich.“

Karte Nr. 6 macht ihrem Namen alle Ehre. Das könnte eine recht schlüpfrige Angelegenheit werden, à la „9 ½ Wochen“ – möchte man meinen.

Hin und wieder vermisse ich die Liebe.

Und ich vermisse meine Familie. Nein, das ich so nicht ganz richtig. Ich vermisse es, eine Familie zu haben. Gemeinsame Mahlzeiten, Spieleabende, das Zuhause dekorieren, zusammen kochen. Als ich ein Kind war, haben mein Vater und ich hin und wieder zusammen Waffeln gebacken. Es war ein ziemlich einfaches Rezept. Was das Ganze so besonders machte, war das Waffeleisen. Ein uraltes Ding, das bereits meine Großeltern benutzt haben. Es produziert keine viereckigen Waffeln. Es backt Herzen. Genauer gesagt: Fünf Herzen, die miteinander verbunden sind und eine Blume formen. Die besten Waffeln der Welt. Inzwischen ist das Waffeleisen in meinen Besitz übergegangen und manchmal wünscht sich mein Besuch, dass ich Waffeln mache. Ich wette, dieses Monster verbraucht mehr Energie als alle meine anderen Stromfresser zusammen – übertrieben gesehen – aber es kümmert mich nicht. Der Geschmack ist einfach verboten gut. Ich lege immer zwei Herzen übereinander und esse diese dann. Am Ende bleibt ein einzelnes Herz übrig, welches ich zur Hälfte ebenfalls zusammenklappe. Es wirkt immer irgendwie etwas verloren, vergessen.

Hin und wieder vermisse ich die Liebe.

Flüsternde Worte. Eine Stimme voller Zärtlichkeit. Verführerisch und verheißungsvoll. Wie die Frühlingssonne auf meinem Gesicht. Frisch und voller Versprechen. Worte: Kraftvoll und voller Energie. Wie die Sommersonne. Strahlend für immer. Liebe wie die Wintersonne. Klar und hell und stark und mit dem Versprechen, dass das Licht immer da sein wird. Küsse wie die Herbstsonne. Warm und weich und farbenfroh und zärtlich.

Manchmal kann ich es kaum fassen, dass ich mich noch immer derart nach dieser Liebe sehne. Aber hin und wieder vernebelt dieses Glühen meine Sinne und nährt gleichzeitig etwas, was so nicht unbedingt der Realität entspricht. Dann bin ich mir nicht sicher, ob es nicht nur ein Verlangen ist, welches sich mit einem einfachen Rezept befriedigen lässt. Ebenso wie die Waffeln. So sehr in meine Kindheitserinnerungen eingebettet, dass Zweifel aufkeimen, ob dieses augenscheinlich sorgenfreie Leben, welches wir nur als Kind, von unseren Eltern behütet und beschützt, empfinden, nicht lediglich eine Illusion ist. Ohne Sicherheit, der Wirklichkeitsprüfung Stand zu halten.

Erinnerungsfetzen – leuchtend hell wie die gleißende Sonne. Schatten und Silhouetten zurück lassend.

Eure Kerstin

P.S.: Fast vergessen: Neuer Monat, neue Karte, neue Aufgabe: “Ein Leben ohne Freunde ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus.” Demokrit. Machen Sie eine Liste mit Menschen, die Ihnen wichtig sind – und schreiben Sie auf, warum das so ist. In diesem Sinne: Bis in einem Monat.

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