Traumhaus vs. Wolkenschloss

Leseecke„Du gewinnst einen Wettbewerb und darfst Dein Traumhaus bauen. Entwerfe die Pläne.“

Als Kind standen meine Eltern einmal vor der Entscheidung, aus Kostengründen weiter aufs Land zu ziehen. Ich bin mir nicht sicher, wie konkret diese Pläne letztendlich waren und ob es irgendwelche Objekte gab, die sie damals besichtigt haben. Ich erinnere mich aber noch an das Bild aus einer dieser Wohnzeitschriften wie „Schöner Wohnen“ oder „Selbst ist der Mann“. Darauf abgebildet war ein ebenerdiges, helles Holzhaus mit Dachgauben. Mitten auf der Wiese. Es war Nacht und das Licht schien durch die unzähligen Sprossenfenster nach draußen und das Haus schien so einladend und warm. Damals dachte ich immer, das wäre das Haus, in welches wir einziehen würden. Dabei ist es doch eigentlich recht verwunderlich, dass wir immer den Hang nach Abgeschiedenheit haben. Eine einsame Hütte in den Bergen aus deren Schornstein der Rauch aufsteigt. Innen ein knisterndes Kaminfeuer und behagliche Stille. Oder der Landsitz mit parkähnlichem Garten. Mit glitzerndes Lüstern, Kachelofen und großzügiger Landhausküche. Immer sind es Fragmente, die sich in das Puzzle einfügen, aber kein Bild ergeben.

Das Wohnzimmer meiner Tante erstreckt sich über sich über drei Ebenen. Jede einzelne bietet eine Sitzgelegenheit und eine andere Sicht auf die Dinge. Davon habe ich lange Zeit geschwärmt. Der Raum ist bis unters Dach offen und man hat das Gefühl, sich in einem Schloss oder einer Kirche zu befinden. So hoch erscheint das Gewölbe. Eine Wand ist den Büchern gewidmet. In meiner Vorstellung ist die Bibliothek so hoch, dass man eine Leiter benötigt, um an die oberen Exemplare zu gelangen und daran vorbeigleiten kann. Eine andere Wand besteht komplett aus Fenstern. Als meine Tante das Haus gebaut hat, haben wir aus schwarzem Tonpapier Raubvogelsilhouetten ausgeschnitten, damit nicht ständig Vögel gegen die Scheiben fliegen. Stünde das Haus mit freier Sicht auf einer Anhöhe oder einem Berg könnte man schier endlos in die Weite blicken. Später hatte ich diverse Altbauwohnungen mit drei Meter hohen Decken. Ein Traum. Der Raum ist immer noch imposant, obwohl ich es eher etwas heimeliger bevorzugen würde. Nicht klein und einengend, aber auch nicht so groß, dass man sich selbst klein vorkommt.

Ich brauche viel Licht. Bodentiefe Fenster, die alles einfangen. Ich hatte mal eine Wohnung mit sogenannten französischen Fenstern. Davor platziert, war der Esstisch, der im Grunde ein geflochtener Gartentisch war. Morgens fiel dort das Licht in die Wohnung. Ich konnte die Balkontüren öffnen und hatte das Gefühl, draußen zu sein. Der Blick auf den Hinterhof hat sein Übriges zum Flair beigetragen. Kennt jemand den Film „Perfect Love Affair“ mit Warren Beatty und Annette Bening? Es gibt da diese Szene, in der er sie mit in das Haus seiner Tante nimmt, das auf irgendeiner tropischen Insel im Regenwald auf einem grünen Hügel steht. Aber es ist gar nicht das Haus, auf das ich hinaus will. Vielmehr ist es der Raum, in dem sich das Treffen abspielt. Dieser erscheint in sanftem, leicht diffusem Licht. Die Fenster sind fast bodentief und hölzerne Fensterläden lassen das Licht herein, halten aber die Hitze des Urwaldes draußen. Diesen Weichzeichnerstil habe ich mal in einer meiner Wohnungen versucht nach zu empfinden. Allerdings waren die Fensterläden durch Holzjalousien ersetzt und davor hingen transparente überlange Gardinen, die dem Ganzen einen Schleier auferlegten. Es war leider niemals so romantisch wie im Film, aber das lag sicherlich daran, dass anstatt des Klaviers ein übergroßer Flachbildfernseher mit Surround-System den Raum beherrschte. Vielleicht ist es aber auch ein Zeichen dafür, dass nicht alles, was in unserer Vorstellung als traumhaft erscheint, der Realitätsprüfung standhält.

Ich mag weiße Wände mit Platz für Bilder und/oder Fotos. In dem Buch von John Irving „Witwe für ein Jahr“ gibt es diese Passagen, bei denen Ruth vor den Bildern ihrer toten Brüder steht, die an sämtlichen Wänden aufgehängt sind. Zu jedem Foto gibt es eine Geschichte und Ruth wird es nicht müde, diese zu hören. Später dann, als nur noch die Haken und die ausgebleichten Stellen auf der Wand an die Bilder erinnern, erinnert sich Ruth bei jedem „Fleck“ daran, welches Foto dort hing und welche Geschichte dazu hört. An sich eine traurige Geschichte: Das Kind, das als Ersatz für die verunglückten Kinder das Familienglück retten soll und immerzu mit den Erinnerungen an die ihr unbekannten Geschwister konfrontiert ist, während vor ihr selbst kein einziges Bild im Hause zu finden ist. Aber das ist ja nicht der Punkt. Hier sollte es ja um das Traumhaus geben und was mir daran gefällt, ist die Vorstellung, beispielsweise im Flur oder Treppenhaus, wenn es denn eines gibt, unzählige Fotos aufzuhängen, die die Geschichte eines ganzen Lebens erzählen.

Ich bin mir nicht sicher, was ein Architekt mit meiner Vorstellung vom Traumhaus anfangen würde. Nach dem, was mir dazu in den Sinn kommt, wird es wohl eher so eine Art Villa Kunterbunt, bei der kein Raum zum anderen passt. Aber ist es nicht gerade das, was ein Traumhaus ausmacht? Ein etwas verschwommenes Bild, dessen Form sich ähnlich der Wolken ständig verändert? Ein Schloß in den Wolken? Und dann las ich in einem Interview folgende Frage des Moderators: „Wie beschreiben Sie Ihr Traumhaus?“ Und die Antwort: „Holzhaus, große Terrasse, fünfzehn Schritte bis an den Strand, das Meer in hundert Metern Entfernung.“ Tja, so einfach ist das!

Eure Kerstin

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