„Rolling Stone“ – der Stein des Anstoßes

Leseecke„Wenn Du ein Nomadenleben führen könntest, würdest Du es tun? Wohin würdest Du gehen? Wie würdest Du entscheiden? Wie würde Dein Leben ohne ‚Heimanthafen’ aussehen?“

Anfangs wollte ich es kurz und schlüssig machen: Ja. Wohin es mich gerade zieht. Hauptsache Berge. Perfekt. Und alle, die mich zumindestens ein bisschen kennen, würden dem zustimmen und sagen: „Das ist doch genau das, was Du willst.“

Aber dann kamen mir Zweifel, ob es tatsächlich so einfach zu beantworten ist und ob es tatsächlich so perfekt wäre. Würde ich nicht den Bezug zur Realität verlieren, wenn ich mich einfach so treiben lasse? Von Ort zu Ort ohne Anfang und ohne Ende. Immer irgendwo ankommen, mit dem Wissen, dass ein Weiterziehen bevorsteht. Keine Begegnung wäre von Dauer. Könnte ich überhaupt irgendeine Art von Bindung aufbauen? Hätte ich noch Interesse, die Menschen, denen ich begegne, kennen zu lernen? Mit wem würde ich meine Erlebnisse und Eindrücke teilen? Jedes mal würde ich bei null anfangen. Am Ende wäre mein Nomadendasein eine rastlose Hetze. Von einem lustigen Zigeunerleben keine Rede.

Nicht zu unterschätzen sind auch die Eckpfeiler, auf denen unser Leben ruht: Essen, Schlafen/Wohnen, Arbeit und letztendlich das liebe Geld. Schließlich ist das Leben kein Film, bei dem die Darsteller irgendwie immer Geld zu haben scheinen, fast nie arbeiten und sich selten mit den alltäglich anfallenden Arbeiten plagen. Im wahren Leben finge so ein Unternehmen wohl erst mal mit der Frage an: Kann ich es mir leisten bzw. wie kann ich es mir leisten? Ziehe ich einen Ort, arbeite dort und lebe dann von dem Ersparten, um dann zum nächsten Ort zu ziehen usw.? Suche ich mir jedes Mal eine Unterkunft, oder habe ich ein mobiles Zuhause? Und wenn ich mein Hab und Gut immer mit mir mitschleppe, wie flexibel bin ich dann in Bezug auf die Wahl meines nächsten Zieles? Alles in allem steckt jede Menge Organisation und Planung dahinter, damit am Ende aus dem Traum nicht ein Albtraum wird und man ständig ums Überleben kämpfen muss. Die Alternative, völlig autark und unabhängig zu leben, ist bestimmt machbar, aber in Kombination mit einem Wanderleben scheint es mir eher wie ein Rückschritt ins Mittelalter. Vielleicht mag das bei diversen Urvölkern und in einsamen Gegenden noch praktikabel sein. Aber auch die leben in einer Gemeinschaft, deren Regeln sie befolgen. Als Einzelgänger stößt man da recht schnell an seine Grenzen. Vor allem in unserer westlichen Leistungsgesellschaft, wäre ich sicher ein Stein des Anstoßes. Würde man mich wie einen Exoten behandeln? Gar mit Misstrauen begegnen? Es ist doch vielmehr so, dass wir jedem skeptisch gegenüber treten, der sich nicht der Norm entsprechend verhält. Mit so jemandem stimmt doch etwas nicht. Hat vielleicht sogar Dreck am Stecken. Ein Zigeuner, Träumer und Tagedieb.

Letztendlich denke ich, dass das Leben auf Reisen voll gespickt ist mit der Vorstellung von Romantik und Abenteuer, aber es ist wohl eher harte Arbeit. Und doch ist es ein Traum und manchmal braucht es eben nur einen Stein, der alles ins Rollen bringt. In diesem Sinne mache ich in den nächsten 3 Wochen erst mal einen zeitlich recht begrenzten und überschaubaren Selbstversuch und wandere von Ort zu Ort.

Eure Kerstin

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