Die Kunst des Atmens

„Sie sind ganz in Ihrer Mitte: Bewusstes Atmen beruhigt, lindert Angst und Schmerz. Beginnen Sie mit fünf Sekunden einatmen, fünf Sekunden ausatmen. Langsam steigern.“

Klar kann ich fünf Sekunden einatmen und ausatmen. Ich kann sogar zehn Sekunden ein- und ausatmen und noch länger, wenn ich mich nur auf den Rhythmus des Atmens konzentriere. Die zweite Karte ist eine aus der Kategorie Wohlfühlen. Mal sehen, was mir dazu einfällt und zu welchen Einsichten es mich bringt:

Atmen ist das Erste, was wir tun, wenn wir in dieser Welt ankommen und ebenso das Letzte, wenn wir sie verlassen. Mit einem Lauten Knall kommen wir an: Hier bin ich, ich bin hier. Und wir scheiden: Leise und mit einem Seufzer. Ein schöner Kreis: Ein – Leben – Aus. Nichts, auf das wir besondere Sorgfalt legen oder dem wir große Achtung schenken. Es ist für uns selbstverständlich. Die Luft um uns herum. Nichts, was wir sehen, anfassen, fühlen können. Und doch ist es die Essenz des Lebens.

Ich liebe es, meinen Atem zu sehen, wenn es draußen kalt ist. Die Fensterscheibe anzuhauchen und dann die Welt wie durch einen weißen Schleier zu sehen, der langsam verschwindet.

Manchmal habe ich das Gefühl des Erstickens – als wenn ich nicht genügend Luft bekommen würde. Dabei meine ich nicht Sauerstoff. Es ist eher so, dass ich das Gefühl habe, die Luft sei leer und würde sozusagen den göttlichen Atem missen. Meine Lungen können sich nicht ausdehnen. Es fühlt sich an, als ob etwas unmenschlich Schweres mich zusammen presst.

Beim Sport oder anderen körperlichen Aktivitäten, wird man sich auf einmal recht schnell seines Atems bewusst. Oder vielmehr der Tatsache, dass man außer Atem gerät. Beim Pilates gibt der Trainer die Sequenz des Atemholens vor. Irgendwie kann ich nie richtig folgen, da ich bei weitem länger benötige, um den Kreis von Ein- und Ausatmen zu schließen. Beim Yoga funktioniert das besser. Das Zusammenspiel von Atmung und Bewegung fühlt sich vertrauter und natürlicher an. Hin und wieder müssen wir uns einzig und allein auf unsere Atmung konzentrieren und dann kann ich es förmlich vor meinem inneren Auge sehen, wie die Luft bis in die letzte Zelle strömt. Mein Atem fließt durch meinen Körper und nimmt allen Raum ein und nach einiger Zeit heften sich alle Gedanken, alle Probleme an den Luftstrom und fliegen mit dem Atem davon. Für mich: Die Kunst des Atmens. Der Punkt, an dem man einfach ist. Vor einiger Zeit sagte jemand zu mir: „Wir sind nicht unsere Gedanken. Wir sind die Stille zwischen den Gedanken.“ Am Anfang dachte ich: ‚Was für ein Blödsinn! Was, wenn nicht meine Gedanken, definiert mich?’ Aber es ist tatsächlich war. Wenn man den Punkt erreicht, an dem kein Gedanke mehr unser Hirn beschäftigt, dann ist man einfach. Ich persönlich schaffe dies am besten beim Bergsteigen. Ich höre mich atmen, meine Gedanken wandern in meinem Kopf umher und wenn der letzte Funke meine Gedanken verlassen hat, fühle ich mich unbeschwert und leicht und zuhause.

Wenn ich zur Ruhe komme, dann versteckt sich mein Atem ganz gern. Mein Brustkorb bewegt sich nur minimal und nahezu kein Geräusch zeigt an, dass ich noch lebe. Wie, als wenn ich versuche, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Zumindestens wurde mir das erzählt von Leuten, die mal neben mir geschlafen haben. Anscheinend liege ich wie tot da. Muss wohl ein Überbleibsel aus meiner Zeit als Höhlenmensch sein. Aber ich lebe – noch. Obwohl es schon Zeiten gegeben hat, zu denen ich mir gewünscht hätte, ich könnte mich einfach hinlegen und sterben. Wie die Rehe. Habe ich irgendwo mal gelesen oder gehört: Wenn ein Reh sterben möchte, legt es sich hin und stirbt. Einfach so. Als ich vor langer Zeit mal an einem solchen Tiefpunkt war, gab es in einer Ausstellung eine schalldichte Kammer, die man testen konnte. Als die Tür sich hinter mir geschlossen hatte, war mit einem Mal kein einziges Geräusch mehr zu hören. Alles wurde geschluckt. Nicht einmal mein Atem erzeugte einen Ton. Ich konnte mein Herz wie wild schlagen hören. Es hörte sich wie ein tosender Wasserfall oder fürchterlicher Sturm an. Ich hatte wahrlich das Gefühl zu ertrinken und meinen eigenen Atem nicht zu hören. Voller Panik bin ich damals aus der Kammer im wahrsten Sinne des Wortes geflohen. Später bereute ich aber, dass ich meinem Atem keine Chance gelassen habe, die Umgebung zu spüren, meine Gedanken auszuschalten und ich zu sein. Offensichtlich hatte ich die Kunst des Atmens noch nicht erlernt. Ich war noch nicht in meiner Mitte angekommen.

Eure Kerstin

Ein Gedanke zu „Die Kunst des Atmens

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