Was von den Rauhnächten übrigbleibt: Juni

Das Leben zupft und zerrt an mir. Wie ein Netz liegt es vor mir. Ich wandle auf Fäden, so dünn, dass sie nur Minischritte ohne ein Danebentreten zulassen. Ich stolpere über Knoten, die sich nicht lösen lassen. Ich drohe abzustürzen, wenn Verbindungen sich in Luft auflösen.

Wie Netz breitet es sich aus und umhüllt mich. Die Enge ist oftmals kaum zu ertragen. Bei jedem Sturm pfeift es durch die Öffnungen, nimmt mir den Atem und zwingt mich zum stummen und starren Festhalten. Es erdrückt mich und gleichzeitig wirft es mich aus der Bahn.

Ein roter Faden, der in diesem Chaos den Weg markiert, lässt sich weder vor- noch rückwärts erkennen. Bei den Leuchtstreifen am Horizont bin ich nie sicher, ob sie Glück oder Unheil bringen. Es gibt kein Ende und keinen Anfang, nur immer den nächsten Schritt, von dem ich nicht sagen kann, ob das Netz mich auch tragen. Der Abgrund vor Augen und doch nicht sichtbar.

Wie gern würde ich bisweilen einfach verharren und Kraft tanken und die bunte Vielfalt sehen. Jeder Strang ein Abenteuer, eine neue Erfahrung, die mich vor den Unbilden des Lebens schützt.

Was von den Rauhnächten übrigbleibt: Mai

Der jugendliche Mitbewohner und ich spielen „Weltreise“. Ein Geschenk aus Zeiten der Pandemie, als selbst Ziele im nächstgelegenen Landkreis unerreichbar und fern waren. Ein kläglicher Ersatz für all die nicht realen Möglichkeiten.

Wer das Spiel nicht kennt: Jeder Spieler startet an einem Ort und muss verschiedene Stationen rund um den Globus besuchen. Man reist mit der Anzahl der gewürfelten Augen und ganz ohne CO²-Abdruck. Zu jedem Ort gibt es eine Karte, die in rund 10 Sätzen über Vergangenes und Aktuelles informiert.

Wir jetten also so durch die Welt und legen Stopps an Orten wie Tripolis, La Paz, Hong Kong, Kinshasa, Seoul, Teheran, Kingston, Norilsk, Kuwait-Stadt, Jerusalem und Nikosia ein. Zugegeben nicht zwingend die erste Wahl, wenn es um Traumziele geht. Zumindest gilt das für einen Großteil der Ziele und ist natürlich sehr subjektiv.

Nach etwa 10 000 zurückgelegten Kilometern und dem dazugehörigen Geschichtshintergrund meint der Nachwuchs, nachdem er die Historie von Ho-Chi-Minh-Stadt vorgelesen hat: Sag mal, kann es sein, dass es immer nur um Krieg und Mord und Totschlag gegangen ist?

Kurz rekapituliere ich, was von meinem Geschichtsunterricht sonst noch so hängengeblieben ist und muss mit Bedauern feststellen, dass sich diese Frage im Grunde nur mit einem Ja beantworten lässt. Irgendwie stellt sich die Befürchtung und wage Ahnung ein, dass der Mensch nicht nur schlecht, sondern auch böse ist. Es ist sogar davon auszugehen, dass sich dies aller Wahrscheinlichkeit auch nicht ändern wird.

P.S.: Wer jetzt über das Schicksal von Ho-Chi-Minh-Stadt rätselt, dem sei der Hinweis gegeben, dass es sich um die größte Stadt Vietnams handelt. Der Rest ist dann selbsterklärend.

Was von den Rauhnächten übrigbleibt: April

Beim alltäglichen Weg zum Büro komme ich an einem prominenten Konsulat vorbei. Meterhoher, rundumlaufender Zaun, kameraüberwacht bis in den letzten Winkel. Alles ist sauber, akkurat und irgendwie unbelebt bis auf winzige Lebenszeichen in Form von verwaisten Blumentöpfen oder Gerätschaften auf den Balkonen der dem Gelände Beheimateten.

Doch hin und wieder erhasche ich frühmorgens einen Blick auf ein menschliches Wesen, welches das Areal zum Joggingparcours erkoren hat. Ich schaue durch die Gitterstäbe des Zaunes und stelle mir vor, wie es ist, dahinter zu arbeiten, zu leben und selbst die Laufrunde dort zu absolvieren. Unmittelbare Beklommenheit stellt sich ein, das Gefühl des goldenen Käfigs. Wie nur lässt es sich aushalten, ein Dasein, abgeschottet und mit lückenloser Überwachung? In einem fremden Land?

Es ist April: Mein Blick aus dem Fenster fällt auf die so gar nicht frühlingshafte Umgebung. Das Grün versteckt sich hinter zugezogenem Himmel. Sollte es nicht eigentlich nur so sprühen und austreiben? Die Natur ihre Farben zur Schau stellen?

Im Sinnieren darüber denke ich zurück an den Gitterzaun und das Leben dahinter und sehe ich mich auf der anderen, der freien Seite. Doch bin ich wirklich so frei? Ist es am Ende für den vermeintlich hinter Gittern Befindlichen nicht auch ein Schutz? Eine überschaubare Welt mit sichtbaren Grenzen und der Gewissheit, dass der Zaun auch eine Barriere ist, die Sicherheit bietet. Und ist es am Ende nicht das Gleiche mit der Natur? Bedeutet mein hinter der Scheibe sein nicht auch, dass das Draußen schutzbedürftig ist?

Was von den Rauhnächten übrigbleibt: März

Die Sonne spitzt als gigantischer Schatz am Horizont zwischen den kahlen Bäumen hindurch.

Ich blinzele in das gleißende Licht, welches sich messerscharf gegen den tiefblauen Himmel abzeichnet.

Was mache ich eigentlich hier? Tagein, tagaus in einer Tretmühle, die nur meine Energie raubt? Ein Leben, das mir den Schlaf nimmt? Ist das überhaupt noch das Leben? Mein Leben?

Ich sollte bei denen sein, die ich liebe und die mich lieben. So einfach sollte es sein.

Was von den Rauhnächten übrigbleibt: Februar

„Ich packe keine Geschenke mehr ein“, meinte die Lieblingstante und warf das Buchgeschenk mit Schwung auf das Polstermöbel, von dem es mit einem Hops auf dem Boden landete. „Die Zeit“ (von Rüdiger Safranski), welch bezeichnender Titel für die philosophische Abhandlung zu ebendiesem Thema.

Die eine hat keine Zeit/ Geduld (mehr), Geschenke zu verpacken, während die Beschenkte immerzu versucht, die verschiedenen, an sie herangetragenen Aufgaben, Termine, Verpflichtungen und Aktivitäten in Zeitfenstern zu jonglieren.

Davon völlig unbeeindruckt landet das Buch auf dem harten Boden der Tatsachen und macht auf diese Weise Eindruck. Eine wahrhaft augen- und herzöffnende Lektüre, die Spuren hinterlässt. Es geht um die Zeit des Anfangens, der Langweile, der Sorge, der Lebenszeit, des Spielens, der Ewigkeit und erfüllten Zeit. Fäden im Takt des Alltags. Die schönsten zum Nachlesen bleiben als Erinnerung:

„Die Zeit ist knapp […] nur im Verhältnis zu bestimmten Vorhaben […], weil gleichzeitig andere Tätigkeiten und […] die Dauer nicht richtig eingeschätzt werden. […] Ein Problem, das mit ihrer Bewirtschaftung auftritt.“

„Durch […] Sprache und Schrift öffnet sich ein ganzes Universum von Zeiten, […], die längst vorbei sind, noch ausstehen, es nie gegeben hat, nie geben wird, […] die es nirgendwo gibt als in der Vorstellung. […] In der Musik [findet] sich die faszinierende Einheit von Zeit und Augenblick. […] Die Fotografie fixiert etwas, was es so eigentlich gar nicht gibt, nämlich Zeitpunkte.“

„Die Sorge ist auf die Zukunft gerichtet. […] In der Sorge […] ist man sich selbst immer schon vorweg.“

„In jedem wahrhaften Anfang steckt die Chance zur Verwandlung. […] Wir sind Wesen, die selbst anfangen können und deshalb fragen wir auch nach dem Anfang. […] Tatsächlich benötigt der Mut, etwas anzufangen, ein Grundvertrauen.“

„Tätigkeiten, die einen voll und ganz in Anspruch nehmen, […] lassen die Zeit verschwinden. […] Das sind die dichtesten Augenblicke.“

Wie wir sie auch drehen und wenden, sie scheint ihren eigenen Regeln zu folgen. Und doch ist die Zeit schon da. Sie muss nicht erst geschaffen werden werden.

Was von den Rauhnächten übrigbleibt: Januar

„Es gibt immer Licht.

Wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen.

Wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.“ (Kalenderspruch)

Doch was, wenn die Dunkelheit so tief ist, dass kein Licht dagegen ankommt?

Doch was, wenn die Erde so verbrannt ist, dass kein Leuchten von ihr ausgeht?

Doch was, wenn die Seele keinen Halt findet, kein Strahlen mehr zu ihr vordringt?

Blätterwald

Neulich war Toilettenpapier im Angebot. Nicht einfach nur Toilettenpapier, sondern jenes, welches vor so ziemlich 1 ½ Jahren als einziges noch zu haben war. Damals, als mir das Leben als ein merkwürdiger Ort vorkam (Link).

Ich stehe im Supermarkt vor dem Regal. Toilettenpapier, soweit das Auge reicht und in allen erdenklichen Ausführungen. Und ich denke: Ist das wirklich erst 19 Monate her? Es kommt mir gleichzeitig unendlich länger und wie gestern vor.

Das passiert mir seit einiger Zeit immer öfter. Meine Erinnerung spielt mit mir und gaukelt mir weit zurückliegende Ereignisse als jüngste Vergangenheit vor. Und ich frage mich auch, ob ich mir die Zeit von damals zurückwünsche. Eine Zeit, die irgendwie aus dieser gefallen schien und ebenso Aufbruch wie Stillstand beinhaltete. Ein Limbo im Universum.

Neulich las ich den Satz von F. Scott Fitzgerald: „In der dunklen Nacht der Seele ist es immer 3 Uhr morgens. Tag für Tag.“ Wer schon einmal nachts um 3 Uhr unfreiwillig aufgewacht ist und aufgrund Kopfkinos und Gedankenwälzen nicht wieder einschlafen konnte, weiß wovon ich rede. Wie dunkel es um diese Uhrzeit sein kann und dass die wahre Geisterstunde genau dort, am Tor zu den eigenen Seelenabgründen, beginnt.

Mit abwesenden Gedanken verharre ich vor dem Regal, greife nach verschiedenen Packungen und ertappe mich dabei, wie ich die Blattzahl vergleiche. In Relation zum Preis setze.

Was, wenn jedes Blatt ein Monat, eine Woche, ein Tag in meinem Leben wäre? Was ist die ausreichende Anzahl an Blättern, die ein Leben ausmachen? Wie viele Blätter braucht es, um glücklich zu sein?

Möchte ich ein Leben, weichgespült mit Kamillenblüten? Übertüncht mit Lavendelduft? Oder lieber blütenrein weiß? Steril? Wie viele Lagen brauche ich, um mich sicher zu fühlen? Wie viele Lagen braucht es, um einen zu beschweren, einzuengen? Jeden Aufprall zu dämpfen?

Vielleicht das recycelte? Das Leben als endlose Wiederholung aufgewärmter Episoden. Von Mal zu Mal etwas unansehnlicher, abgenutzter, grauer. Wie viel ist es wert, das Leben? Sind manche mehr wert als andere? Die Rolle meines Lebens? Oder ein Leben von der Rolle? Aufgewickelt, sich langsam entfaltend, Fahrt aufnehmen mit jeder Umdrehung schneller werden. Zum Ende hin verknittert, faltig und zerrissen. Und was, wenn beim letzten Blatt einfach noch so viel Leben da ist?

Irgendwie ist das Leben noch immer ein merkwürdiger Ort. Was es das am Ende vielleicht sogar schon immer?

Zeitreisen in die Zukunft: Gefühlte Welt

Am Horizont geht die Sonne unter. Sehen tue ich das natürlich nicht. Nur die Tatsache, dass die Beleuchtung von Tag auf Nachtmodus umschaltet ist das untrügliche Anzeichen, dass das Leben aktiv ist.Sehen tue ich jedoch nur den Bildschirm vor mir. Zahlenreihen und Ziffernkolonnen, die bearbeitet werden wollen. Schwarze Zeichen auf weißem Grund am Tage und weiße Zeichen auf schwarzem Grund in der Nacht. Tagein. Tagaus. Die Frage nach dem Warum und Wofür ist mir schon lange abhandengekommen. Vielleicht habe ich es auch vergessen. Vielleicht hat das alles mal einen Sinn ergeben. Doch zum Überdenken bleibt keine Zeit. Vielleicht will ich das auch gar nicht mehr. Irgendetwas schaltet sich dazwischen und stoppt die aufkeimende Gedankenenergie. Schließlich gibt es da ja noch das Leben.

Und dann schaltet sich der Bildschirm aus. Ich zucke zusammen. Immer noch. Immer wieder. Wie lange eigentlich schon? Doch bevor ich meinen Gedanken noch mehr Raum geben kann, werde ich in die Höhe gehoben und die Hände, die mich tragen, sind warm und weich und erinnern mich an all die Stunden in Deinen Armen. Behütet und eingehüllt werde ich getragen. Alles um mich herum verschwimmt in seiner Bewegung, so dass ich, egal wie angestrengt ich etwas auszumachen versuche, nichts erkennen kann.

„Du Dummerchen“, vernehme ich ein Flüstern, „Du kannst doch gar nichts sehen. Du hast doch gar keine Augen mehr. Warte, ich schalte sie ein.“ Und während ich noch der Stimme nachhänge, so sanft wie einst die Deine, tauchen vor mir die Bilder des Lebens auf.

Die Sonne, wie sie aufgeht. Die ersten Strahlen, welche über die Erde streifen. Ein Prickeln auf meiner Haut. Das Licht, das seinen Weg findet und mich blinzeln lässt. Die Welt, wie sie erwacht. Freude macht sich breit, so als würdest Du gleich vor mir stehen.

Fragend schaue ich mich um. „Oh“, schaltet sich die Stimme ein,“ Moment, die Ohren sind noch auf Stand-by.“ Und dann höre ich es wirklich. Das Knistern, die Geräusche, die Töne, das Rauschen, Wind, Wellen, Wetter, Stimmen, Gesang.

Ich wandele umher in dieser Welt aus Bildern, in einem Leben, das mich hält und gerade so viel Gefühle in mir produziert, um die nächste Einheit abliefern zu können. Doch das Leben, das übernehmen die anderen. Sie sammeln die Bilder, die Sinneseindrücke, um sie dann mir zurück zu geben. Einem Menschen, ohne Sprache, ohne Sinnesorgane. Dafür ewig existent.

Zeitreisen: Allgegenwärtiges

Im Hier und Jetzt, so wird es einem ja suggeriert, gibt es keine Sorgen, keine Angst, keine Zweifel, nur den Augenblick und das augenblickliche Glück. Im Hier und Jetzt sind wir einfach. Das Leben ist frei. Vor allem wertfrei. Neutral. Doch egal, wie sehr ich meinen Geist auch darauf fokussiere, im Hier und Jetzt zu sein, die Gegenwart wird damit trotzdem nicht erträglicher.

Das Thema hatte ich ja auch bereits in meinem Beitrag der „Grenzgänger und Grenzpendler“. Allerdings mit einem ganz anderen Bezug und im Rahmen meiner Zeitreisen, deren geistige Nahrung im Durcheinander von Wellen und Bremsen und Lockerungen und anderen Ungetümen bürokratischer Wortmonströsitäten zerrieben worden ist.

Nun also eine neue Annäherung ans Reisen. Der Blick zurück? Eher lieber nicht. Von der Vergangenheit haben wir alle ja mehr als genug und würden diese nur allzu gern jetzt und hier und sofort hinter uns lassen und am besten auch gleich vergessen, bevor sie einen weiterhin in die Melancholie, nah an den Rand der Depression treibt. Dann doch lieber nach vorn schauen, mal den Kopf, schwer vom starren Blick auf Monitore, Displays und Mattscheiben, heben und erwartungsvoll in Richtung Zukunftshorizont schicken.

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In Anbetracht der Tatsache, dass es, das Reisen, ja schon bald nicht mehr nur virtuell, sondern so ganz echt passieren könnte und wir uns dann fragen, wie wir dereinst in diese Menschenansammlungen, wo es zwar keine Weichzeichnerfilter, dafür aber Menschen mit Armen und Beinen und in 3D gab, so eintauchen konnten und wo es dann wahrscheinlich so erdrückend voll sein wird überall, so dass man freiwillig in die heimeligen vier Wände flüchtet, auch vorerst nur der gedankliche Sprung in eine andere Dimension. Schließlich soll der Geist ja nach über einem Jahr Entzug nicht gleich überfordert werden bei der Frage nach dem Wohin, wohin sollen wir denn nun reisen? Jetzt und hier? Also lieber langsam angehen lassen. Die Lage sondieren sozusagen.

Ja, die Zukunft. Sie erscheint als unerreichbarer Sehnsuchtsort in der Ferne, während sie gleichzeitig mit Erwartungen unerfüllbar überladen wird. Im Grunde will ich jedoch nicht über die Zukunft nachdenken. Warum sollte sie ein besserer Ort sein als die Gegenwart? Die gefällt mir schließlich schon jetzt nicht.