Das neue Reisen, Etappe 2: Der Fremde in meiner Wohnung

LeseeckeSchon in dem Moment als ich die Tür aufschließe, weiß ich, dass er wieder da ist. Und so sicher wie das Amen in der Kirche, sitzt der Tod am Küchentisch und liest seelenruhig die Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung, die meine Nachbarin mir immer in den Briefkasten steckt.

„War es Dir mal wieder zu laut, zu voll und zu viel Chaos bei Dir?“, frage ich ihn. Er blickt auf und nickt. „Gut, aber bring nicht wieder die ganzen unglücklichen Seelen mit hierher. Die letzten verstecken sich immer noch in den Lampen und lassen sich nicht zum Gehen bewegen. Wenn Du alles bei mir ablädst, dann herrschen hier bald ebensolche Zustände wie bei Dir und Du weißt, das mag ich nicht. Es gibt Regeln und Ordnung.“ „Ok“, kommt es kleinlaut hinter der Zeitung hervor.

Und so vergehen die Tage. Der Tod streift des Nachts umher und geht seinen Geschäften nach, während ich versuche, dem Fremden und seinem Treiben keine allzu große Aufmerksamkeit zu schenken.

„Hast Du Sorgen?“, fragt er mich. „Du siehst müde aus.“ „Eins sage ich Dir, wenn Du mir mit einer Deiner Ideen kommst…“, zische ich ihn an. „Ich wollte nur nett sein. Weißt Du, ich koche heute mal“, schlägt der Tod vor. Und so wird auch das zur Routine. Der Tod steht am Herd. Dann räumt er auf.

Und schon bald gibt es kein Entrinnen mehr vor seinem Putz- und Ordnungswahn. „Nimm einen Untersetzer“, sobald ich mich mit der Tasse Tee in der Hand nach einem Platz umsehe. „Das gibt sonst Flecken“, ruft er noch hinterher. Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich auf Zehenspitzen durch die Wohnung schleiche, um seiner Pedanterie zu entgehen. Ja, bisweilen lasse ich sogar bewusst Sachen liegen, trage Dreck herein. Alles erscheint mir fremd und als ob dies nicht meine Wohnung wäre, fühle ich mich plötzlich als Eindringling.

„Es ist wirklich nicht mehr auszuhalten. Du nimmst mir die Luft zum Atmen.“ Der Tod umhüllt sich mit Dunkelheit. „Du kannst nicht einfach alles an Dich reißen und meine Ordnung neu ordnen. Mein Leben gerät aus den Fugen und nichts ist mehr sicher hier.“

In den folgenden Tagen sehe ich ihn nur selten, doch irgendetwas verändert sich. Ich spüre es, kann es aber nicht fassen. Irgendetwas anderes, neues Fremdes nistet sich ein. Zur Rede gestellt, meint er nur, er würde seine Sachen regeln.

Und dann passiert es: Eines Abends sitze ich auf der Couch und plötzlich schaut die Stehlampe mich an und blendet mir ins Gesicht. Und im nächsten Augenblick ist der Spuk vorbei und ich denke, dass ich mir das vielleicht eingebildet habe. Doch als ich später aus dem Badezimmer komme, kauert der Tod zitternd unter meinem Bett. „Die Seelen“, flüstert er. Ich beuge mich zu ihn hinunter. „Sie haben einen Weg gefunden.“ Noch immer verstehe ich nicht. Und dann erzählt er, dass er beim Aufräumen wohl etwas unvorsichtig war und nun die Lichter an immer neuen Stellen und unvorhergesehen auftauchen, sich wie Irrlichter durch das Mobiliar fressen. Mal hinter dem Kühlschrank, wenn man ihn öffnet. Dann flammen im Bücherregal Blitze auf und unter der Kommode flackert es. Das Schlüsselloch leuchtet, wenn die Außenbeleuchtung angeht. „Lass uns doch einfach die Lampen alle aus der Wohnung bringen“, schlage ich vor. „Wir haben Kerzen und der Kamin gibt auch Licht.“

Seine Augen funkeln. Er hat verstanden. Der Tod nimmt mich in seine Arme, die Zeit bleibt stehen und die Unendlichkeit beginnt.

 

P.S.: Vielen Dank an die beste aller Freundinnen für die wundervolle Inspiration und an den einfachen Mann, der mich tagtäglich herausfordert, Grenzen in Wege zu verwandeln.

Das neue Reisen, 1. Etappe: Der Kosmos

LeseeckeDas Licht ist grell, je nach Tageszeit, und dann knistern die Fugen von Fenster und Möblierung. Doch heute drückt der Wind an die Scheibe und der Regen prasselt auf den gläsernen Terrassenvorbau. Unaufhörlich. Im Sturm biegen sich die haushohen Bäume in Nachbars Garten und neben dem Rascheln der Blätter knackst und knarrt es in den Zweigen und Ästen. Die Wetterseite macht ihrem Namen alle Ehre.

Je nach Witterung vernimmt man das stetige, irgendwie monotone und doch unregelmäßige Surren der Reifen auf dem Asphalt der nahe gelegenen Bundesstraße, ganz zu schweigen von den aufgemotzten Motoren der Halbstarken, welche die 30er Zone als Abkürzung nehmen. Wobei die urbane Kulisse von überall her wie Sand ins Innere eindringt und sich niederlässt: Hubschrauber auf dem Landeplatz der Feuerwehr inklusive Einsatzwagen mit Martinshörnern aller Art, welche mich aufschrecken und das Gedankenkarussell sich drehen lassen.

Dann die Kirchenglocken, die immerwährende Erinnerung, was die Stunde geschlagen hat, sieben Tage die Woche, vom ersten Angelusläuten bis zur Abendandacht im Viertelstundentakt. Zum Glück, wenn man hier leicht ketzerisch von Glück sprechen kann, wird der Glockenturm seit geraumer Zeit saniert, so dass lediglich Feiertags- und Gottesdienstläuten erschallt, wobei mir letzteres in diesen Zeiten irgendwie sinnlos erscheint. Genauso wie der Gesang des Muezzins vor ein paar Tagen, als Sonne und Muttertag reihum alle aus ihrer Behausung gelockt hatten, nachdem Grünflächen am Vortag noch getrimmt und gemäht worden waren. Noch immer frage ich mich, ob nur jemand aus der benachbarten Siedlung uns alle an seinem Glauben teilhaben lassen wollte, oder ob der Wind tatsächlich diesen aus der entfernten Moschee bis hierher getragen hat und der Klang sich dann in den Häuserschluchten verfing und vervielfältige wie das Echo am Königssee. Vielleicht wollte auch derjenige nur ein bisschen mitmischen bei Grillparty, Spielplatzgetöse, Kaffeegeklapper und Zweiradtouren, motorisiert und muskelbetrieben.

Doch heute herrschen Wochentagsbedingungen, aus den Kellergewölben steigt der durchdringende Ton der Drechselmaschine des Hobbybastlers durch alle Ritzen und Poren nach oben. Gleichzeitig fühle ich mich wie eine Sardine zwischen pubertierendem Mitbewohner und Nachbarskind eingequetscht, das Zimmer, ein schmaler Schlauch zwischen den um Aufmerksamkeit konkurrierenden Parteien. Unvorhersehbar und jederzeit kann das Gewitter der Furie von nebenan losbrechen. Dann mischt sich die Stimme der Mutter unter. Laut, aggressiv und in einer mir fremden Sprache werden die Machtkämpfe ausgetragen. Gepolter und Türenschlagen sind die Folge. Hin und wieder lausche ich, ob und wann der Zeitpunkt zum Eingreifen gegeben sein könnte. Doch dann hämmert der Zocker im eigenen Haushalt mit der Faust auf den inzwischen wackeligen Schreibtisch und stößt ein paar unflätige Kraftausdrücke aus, die mich zusammen zucken lassen, während die Wander- und Reiseführer, gleichermaßen Zukunftsträume und Meilenstein, auf dem Regal über meinem eigenen Schreibpult vibrieren. Manchmal räche ich mich mit der Nähmaschine, die mit Vollgas über die Tischplatte rumpelt, so dass jede Kommunikation im Keim erstickt wird.

Abgesehen davon erscheint das Zimmer still, kein Ticken einer Uhr, kein Ventilator, der den Rechner verrät, kein Summen, das manch moderne Lichtquelle zur allgemeinen Geräuschkulisse hinzusteuert. Das Klicken der Tastatur geht im Rhythmus des eigenen Herzens unter. Das marokkanische Tagesbett hält Siesta und sogar die Schritte auf dem Laminat und das Zurechtrücken des Stuhles scheinen sich selbst Zurückhaltung auferlegt zu haben, so als ob sie meine Gedanken nicht stören wollten, während der Blick umherschweift und über die Bilder und Memorabilien gleitet, die den Raum füllen, ja schon fast erdrücken und mich in eine andere Welt hineinziehen, gleich einer Reise durch mein Leben. Bunt und verteilt über Orte, Länder, Kontinente und die Zeit.

Die erste große Liebe als schemenhaftes Bild verewigt, mit schüchternen Zärtlichkeiten, die Scherben des zertrümmerten Autofensters vom Familienausflug nach Straßburg, der Graffiti-Brocken der Berliner Mauer, das Korallengerippe aus der tosenden Brandung von Hawaii, das Miniaturmodell eines ratternden Oldtimers als Symbol für den ersten Wagen, der ebenso knatterte, von den Eltern mitfinanziert, der Segler in der Glasflasche als Andenken an die Fahrt auf der Ostsee unter vollen Segeln, die Parfümphiole von einem orientalischen, geschäftigen Bazar, der Casinochip aus Las Vegas, vorbei geschmuggelt an den scheppernden, einarmigen Banditen und dem Croupier, der einem ein „rien ne va plus“ hinterherruft, der Geocachingschatz, gehoben neben der Kuhweide, deren Glocken die Südtiroler Bergalmruhe weithin verkündeten.

Gegenüber der Schreibtisch, dunkel gemasert, filigran verschnörkelt, mit Messingbeschlägen zum Öffnen und Schließen der schwergängig atmenden Schublade und in einer wilden Odyssee im offenen Cabrio durch die Hollywood Hills transportiert. Darüber die Magnetwand mit all den Geschichten, die noch als Ideen umhergeistern und mir nun bei jedem Aufblicken vom Bildschirm zuflüstern, sie zu Papier zu bringen.

Die Welt als unendlicher Kosmos im Kleinen, zusammengepfercht auf 11m².

Das neue Reisen

Gerade wurden die Grenzen wieder geöffnet und endlich dürfen die Reiseweltmeister wieder munter in die weite, also, nicht ganz so weite Ferne ausschwärmen.

Das Bedürfnis nach einem Tapetenwechsel kann ich absolut nachvollziehen. Zuhause ist es ja nicht immer am schönsten und das Abenteuer liegt immer hinterm, oder zumindest nah am Horizont. So scheint es und so wollen es uns die sozialen Medien sowie die Werbung weiß machen. Was aber passiert, wenn die Tapete plötzlich selbst zur Landkarte wird und nur ein kleiner Gedankenstupser nötig ist, um vom Sofa aus direkt ins Abenteuer einzutauchen?

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Das Reisen in den eigenen vier Wänden erfreut sich nicht erst seit dieser Krise großer Beliebtheit und während manch anderer zum Heimwerker und König des Ausmistens mutierte, erfuhr dieses Genre gerade eine Renaissance.

Und da ich selbst eine recht ausgeprägte Veranlagung zum Vagabundieren pflege und schon seit recht langer Zeit nicht mehr in der Leseecke, hier auf meiner privaten Spielwiese umhergestreift bin, werde ich ein paar meiner unlängst durchführten Zimmerreisen einstreuen, um auch einmal nicht nur von, mit und über das Zeitgeschehen meine Küchentischphilosophie zum Besten zu geben, sondern der Phantasie die Zügel überlassen.

Mal sehen, wohin die Reise geht…

„Lesen stärkt die Seele“ (Voltaire)

…, so möchte man meinen. Und da ich mich, wie schon in „Die rosarote Brille“ und „Sieben auf einen Streich“ erwähnt, seit einiger Zeit einer Überarbeitung der hauseigenen Bibliothek widme, sind im Laufe der vorangegangenen Wochen/Monate so einige Bücher dem Hunger der Leseratte und des Bücherwurms zum Opfer gefallen. Und da ich mit dem Annehmen und Verarbeiten der Krise so meine Schwierigkeiten habe, sind wir drei getreu dem Motto viel hilft viel vorgegangen und haben den zweiten Gang eingelegt. Außerdem ist da ja noch der schöne Satz von Voltaire und als Hommage an all die Gefährten, die nun hoffentlich ein neues Zuhause finden, und zur Stärkung der Seele, hier die Passagen und Sätze, welche ich mir als Erinnerung an die ebenso schöne wie unschöne Zeit behalte:

“I love tunnels. They’re the symbol of hope: sometime it will be bright again. If by chance, it is not night.”
“Humans can’t bear silence. It would mean that they would bear themselves.”
“Then there was a silence he had never experienced before: in it, you could hear the years.” (Night train to Lisbon – Pascal Mercier)

“‘But still […]. No matter how often he bangs his head, no matter how many times he falls over, he goes on walking backwards.’ […] What his uncle doesn’t understand is that in walking backwards, his back to the world, his back to God, he is not grieving. He is objecting. Because when everything cherished by you in life has been taken away, what else is there to do but object?” (The high mountains of Portugal – Yann Martel)

’Let’s start at the beginning […] You phoned me. That is where the discussion started, is it not?’ ‘I disagree. It all started when an image of you intruded itself into my mind much earlier this morning. […] I knew you wanted to talk to me about something, but what it was I couldn’t begin to guess. So I replied to your summons by phoning your number […]’ ‘Ahh,’ said Sinha. ‘Now I understand. So neither of us knows what I want to talk with you about. That does make this conversation rather difficult.’” (The Feng Shui detective – Nury Vittachi)

“This is how it began. I had nowhere I had to be, and he had nowhere he had to be. We had money in our pockets and time on our hands. It was that easy.”
„Another slice from the pie of time I now wish I could put back and do over. Do over, the way little children play games by their own set of rules – rules that include do-over, the second chance. […], and then one day someone says, ‘No, no do-overs,’ and in its place is the void: If only.”
“Sometimes, to do something stupid […] is a far better thing to do than to do nothing at all. […] we should’ve have done something, even something stupid, something that chanced ruining our lives, because to do something stupid, something reckless, something honest, is to be brave, but Henry and I, if we were nothing else, we were cowards, and that was the end of that.” (The scenic route – Binnie Kirshenbaum)

„At the first stoplight I ask the cabbie, ‘What do you think of love?’ […] ‘You know, people think cabdrivers are oracles, that we speak the truth in moments of crisis. We’re not. We drive cabs.’ […] ‘What were you reading before I got in?’ ‘Tolstoy.’ […] ‘I’ve got the one cabbie in all of Baltimore reading dead Russians and refusing to be an oracle.’ ‘Okay, okay,’ he says. ‘Ask me again.’ […] ‘What do you think of love?’ ‘It’s rare.’ ‘What else?’ ‘That’s enough, isn’t it?’ (The future for curious people – Gregory Sherl)

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Das Maß ist voll

Pandemie, Lockdown, Nagetierplage, die Eisheiligen, Schafskälte, die Welt am Abgrund, seit 48 Stunden Dauerregen. Wo ist bitte mein Rettungsschirm? Könnte bitte jemand den Reset Knopf drücken und anstatt einfach nur hochzufahren, starten wir gleich das ganze Jahr neu und probieren das nochmals von vorn. Das kann so schwer doch nicht sein. Denn, wenn jetzt nicht bald Schluss ist, dann stelle ich einen Auswanderungsantrag. In eine andere Galaxie.

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Im Land der Zahlen

Ich bin ja kein großer Mathematiker und rechnen gehört wahrlich nicht zu meinen Stärken, sondern ist sogar eine ausgesprochene Schwäche, ich habe sogar mal während einer Matheprüfung neunzehn minus eins in den Rechner eingetippt, weil ich so verunsichert war. Aber für dumm verkaufen lasse ich mich ungern.

Als ich neulich beim Autohändler mein Auto aus dem Winterschlaf habe wecken lassen, hatte ich darum gebeten, dass man sich bitte den Wischwassertank ansehen möge, da dieser irgendwie leckt und nein, ich bin nicht zu blöd, diesen aufzufüllen.

Beim Abholen dann: „Einmal Reifenwechseln und wir haben die Schläuche am Wischwassertank wieder befestigt. Die waren locker. Das macht dann €170,00.“ Ich glaube, die Maske wirkt sich auch auf mein Hörvermögen aus, denn irgendwie hatte ich für den Reifenwechsel mit Einlagern und Waschen während der letzten zehn Jahre immer so einen Betrag von €70,00 vor Augen. Nun, es wird ja alles teurer. Irgendwie müssen auch alle die Verluste dieser Krise wieder reinholen: Industrie, Wirtschaft, Handel und Staat gleichermaßen. Die Zeche zahlt der Verbraucher, das war mir schon klar. Aber muss das denn gleich so offensichtlich sein?

Könnten Sie mir bitte nochmal sagen, was der Reifenwechsel kostet?“ „Mm, €70,00.“ Wie gesagt, meine Rechenkünste sind ziemlich begrenzt, aber das kriege selbst ich hin: „Sie wollen mir also sagen, dass Sie für das Festschrauben von zwei Schläuchen €100,00 berechnen?“ „Äh.“ Ah, die Dame am Schalter scheint auch kein Rechengenie zu sein. „Da muss ich mal den Meister fragen.“ Gut, ich bin gespannt.

Also, wir mussten die Stoßstange abmontieren, damit wir an die Schläuche kommen.“ Oh bitte, ich fühle mich wirklich zusehends verschaukelt von einer Industrie, die alles immer und immer mehr so konstruiert, dass sich jeder am Endverbraucher eine goldene Nase verdient. Demnächst muss ich dann ein neues Auto kaufen, nur weil der Leuchtmittelaustausch so teuer ist, dass es sich nicht rechnet, oder was? „Ja, aber €100,00 finde ich schon ein bisschen viel.“ „Nein, es sind ja nur €70,00.“ Das macht es jetzt irgendwie nicht wirklich besser. Und ich sehe schon, das mit der niederen Mathematik kriegen selbst wir drei zusammen nicht hin, was vielleicht einfach an der zu geringen Sauerstoffzufuhr unter den Masken liegen mag. Vielleicht hilft es ja, wenn ich einfach mal die Rechnung schwarz auf weiß sehe. Manchmal traut man seinen Augen ja doch mehr als den Ohren.

Also bezahle ich.

Rechnenübung

Tja, was soll ich sagen. Es mögen vielleicht so ungefähr €70,00 auf der Rechnung ausgewiesen sein, aber wenn ich die Mehrwertsteuer, von einem Kollegen liebevoll Märchensteuer genannt, hinzurechne, dann sind es eben doch fast €100,00. Denn soweit ich mich erinnern kann, besteht für Konsumenten nicht die Möglichkeit, diese irgendwo abzusetzen. Im Land der Zahlen sind wir wohl Freigeister und deswegen ist der Meister Kfz-Mechaniker geworden und ich nicht Mathematikprofessorin an der Uni.

Ach ja, dass der Wischwassertank mal eben für schlappe €10,00 aufgefüllt wurde, hat man geflissentlich verschwiegen beziehungsweise einfach gemacht, Kundenservice sozusagen. Eine Autowäsche, so wie früher, also im Herbst letzten Jahres, wäre mir lieber gewesen und hätte einen deutlich besseren Eindruck hinterlassen. Nun, wollen wir mal nicht kleinlich sein, irgendeiner muss ja die Wirtschaft ankurbeln und der „armen“ Autoindustrie auf die Räder helfen.

Die Ohnmacht der Zahlen

Zahlen begleiten uns ja ein Leben lang. Bisweilen sehr zu meinem Missfallen, denn ich bin so gar nicht der Mathematiker. Mit der Krise nun treten diese an vielen Stellen nochmals mehr in den Vordergrund, sei es in Fallzahlen oder in Form eines Schirmes. Beides lässt mich zunehmend benommen zurück und während ich noch versuche, mir die Anzahl der Nullen vor Augen zu führen, flattern schon die neuesten Statistiken herein.

Vor fast zwei Monaten, als alles irgendwie erst so richtig ins Laufen kam, habe ich einen Artikel gelesen, in dem es um die Zunahme der weltweiten Armut ging. Wohlgemerkt der absoluten Armut, denn es scheint da mehrere Stufen zu geben, wenn es um die Berechnungsgrundlage geht: Arm, ärmer, am ärmsten.

Tagesgeld

Zur absoluten Armut gehört man, wenn einem am Tag weniger als $1,9 zur Verfügung stehen. Dollar 1,90? Selbst, wenn ich das jetzt mal in Euro umrechne, wird da keine Mahlzeit draus, drei schon gleich gar nicht. Ich frage jetzt auch besser nicht, wie, wenn überhaupt, man mit diesen Mitteln wohnt sowie etwas am Leibe trägt. Genauso wenig weiß ich, wie groß die Differenz zur nicht absoluten Armut ist. Reden wir hier von Cents oder ganzen Dollars? Im Grunde macht es wohl auch keinen Unterschied, denn selbst wenn es $5,00 am Tag sind, übersteigt das meine Vorstellungskraft, was so mancher Mitmensch erleiden muss.

Die weltweite Armut ist unmittelbar mit dem Weltwirtschaftswachstum verknüpft. Ist klar. Ein Minus auf der Wirtschaftsseite ein Plus auf der Armutsseite bedeutet, wohingegen ein Wirtschaftsplus nicht unbedingt ein Minus, also einen Rückgang der Armut nach sich zieht, was das Ganze dann doch wieder nicht wirklich klar macht. Und überhaupt ist auch die Rechnung Minus = Plus nicht 1:1 anwendbar, denn ein globales Wachstumsminus von 1% bedeutet eine Steigerung derer, die in Armut leben, um 1,6 % – 3%. Eigentlich kein Wunder, dass Mathe nicht mein Ding ist, das ist doch irgendwie unlogisch. Wo bleiben denn da die Konstanten? Obwohl, derzeit werden gerne ja auch immer mal wieder andere Faktoren zu ein und derselben Berechnung herangezogen. Gern wird auch einfach anders gezählt und schon verschiebt sich der Wert auf der Richterskala.

Doch das ist gar nicht mein Punkt. In dem Artikel, wie gesagt, das war vor 6-7 Wochen, hieß es, dass man aufgrund der Pandemie und der damit einhergehenden Rezession mit einem weltweiten Einbruch der Wirtschaft von 1,9% ausgehe. Im Umkehrschluss bedeutet das also eine Zunahme von 35-65 Millionen Menschen, die in die absolute Armut abrutschen. Eine ziemliche Spanne, die nicht ganz unerheblich ist, wie finde ich. Da scheinen letztlich doch mehrere Variablen mit im Spiel zu sein, die nur Eingeweihten zum inneren Kreis zugänglich sind.

Mittlerweile nun wurden entweder die Taschenrechner der Analysten getauscht und/oder die haben eine neue Version mit mehr Datenvolumen bekommen, denn aus dem Minus von 1,9% sind so im Vorbeigehen 5,0% geworden. Die Prognose auf der anderen Seite der Gleichung liegt somit bei einem Zuwachs von 92-171 Millionen Menschen, die von weniger als $1,90 pro Tag leben müssen.

Ganz ehrlich, das macht mich nicht nur benommen, sondern erfüllt mich schlichtweg mit Ohnmacht. Wie diese Rechnung, wenn die Frage, ob linear oder exponentiell geklärt ist, aussieht, wenn wir noch länger zu viel Zeit haben, um dann auch noch die Glaskugeln alle mal so richtig zu polieren, will ich eigentlich gar nicht wissen. Und was passiert, wenn die Wirklichkeit mit den nackten, absoluten Zahlen um die Ecke kommt, möchte ich mir lieber schon gleich dreimal nicht vorstellen. Denn wenn ich es richtig verstanden habe, geht es bei dieser Hochrechnung nur und ausnahmslos um die Auswirkungen im Zusammenhang mit der aktuellen Pandemie, ohne weitere Einflüsse, ohne Zusatzfaktoren, ohne den ganz „normalen“ Verlauf.

Das Ende einer Ära

Lila Versuchung

Wer hätte gedacht, dass der lila Heimsuchung auf dem stillen Örtchen schon nach, Moment ich rechne mal nach, gut sechs Wochen das letzte Blatt ausgeht? Ich habe eindeutig zu wenig Vorräte angelegt. Eine Packung Klopapier für rund sechs Wochen. Das ist Betrug! Also zumindest fühle ich mich betrogen. Darum, dass mir die Nagetierfreunde überlegen sind und anscheinend die heimische Toilettenpapierwirtschaft, hoffe jetzt mal, das ist tatsächlich etwas, was im Land der Dichter und Denker produziert wird und nicht irgendwo, wo der Pfeffer wächst oder die Zitronen blühen oder sonstwas auf den Teller kommt, besser unterstützen als meiner einer. Hoffentlich dreht mir da niemand einen Strick draus. So von wegen Konsumverweigerer oder Ähnliches.

Nicht dass jemand nun denkt, dass es bei mir wie in der Kloake und/oder öffentlichen Bedürfnisanstalt zugeht und niemand DAS Accessoire dieser Tage seinem Allerwertesten zumuten möchte. Wir benutzen Klopapier und waschen auch die Hände. Schon immer, möchte ich hinzufügen. Gut, beim Nachwuchs kann ich die Hände nicht immer für den ordnungsgemäßen Gebrauch des Zellulosestoffes und dessen dazugehörige Rituale ins Feuer legen und ohne da auf irgendwelchen Vorurteilen rumzureiten, aber es mag für das starke Geschlecht nicht immer zwingend nötig sein, die letzten Tropfen mit dem Papier zu entsorgen. Zu meiner eigenen Verteidigung, warum ich die Toilettenpapierindustrie nicht (genügend) ankurbele, kann ich wenigstens vorbringen, dass ich selbst ja während der ganzen Zeit untertags im Büro war und dort fleißig gewesen bin. Insofern mag der Verbrauch also nicht repräsentativ sein.

Kleiner Zwischeneinschub: Habe ich schon mal erwähnt, wie dankbar ich für die Erfindung des Wochenendes bin? Nein? Allein schon die Tatsache, dass man sich nicht dauernd und in Endlosschleife „Happy Birthday“ vorsingen muss, während man die Hände mit allen unmöglichen Utensilien malträtiert, ist eine echte Erholung. Ehrlich, seit Beginn des Hygienemarathons bin ich, wenn ich mir meine geschundenen Hände mal so ansehe, um zehn Jahre gealtert. Und wenn ich Anzahl der Geburtstagsständchen zähle und für jedes 1€ erhalten hätte, dann könnteich wahrscheinlich das Steuerloch stopfen. Diese, meine Hände muten mittlerweile genauso steril an wie das ganze Leben um sie und mich herum. Vielleicht sollte ich mal auf das altbewährte Spülmittel zurückgreifen. Gibt es Tilly eigentlich noch?

Zurück zum Thema: Nun ist also Schluss mit der Luxusausführung inklusive Dufterlebnis und wir sind wieder beim Standard. Weiß und dreilagig. Und wer jetzt nachschlägt und sagt, halt der erste Post (Das Leben ist ein merkwürdiger Ort) zu dem Thema war doch schon vor knappen acht Wochen, wie kommt sie denn jetzt auf sechs, dem sei gesagt, richtig gerechnet, aber ich musste es erst verdauen sowie gebührend das Ende einer Ära feiern und gleichzeitig Abschied nehmen. Das braucht eben so seine Zeit.

In diesem Sinne: Hoch die Hände, Wochenende. Und wer Langeweile hat, wo auch immer, kann ja mal seinen Klopapierverbrauch unter howmuchtoiletpaper.com kalkulieren, bevor er/sie/es mir dann wieder nur die Exotenvariante übriglässt.

 

Lage(r)gespräche reloaded

Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf. Unaufhaltsam und gleichzeitig verständlicherweise.

„Mami, können wir bitte die Schuhe bestellen? Ich weiß, die sind teuer, aber das ist eine limited Edition.“
Ich entscheide mich, ein Ablenkungsmanöver zu starten und rede von irgendetwas anderem und davon, dass es jetzt wirtschaftlich ziemlich schwierig werden könnte und überhaupt. Dann der Klassiker unter den Fragen des Nachwuchses.
„Warum?“
„Also, ich mache mir hin und wieder schon Gedanken wegen des Darlehens. Weil, mal angenommen, wenn ich meinen Job verliere, dann wird die Bank ganz schnell auf der Matte stehen…“
„Weil Ihr auch alle so deutsche Kartoffeln seid.“
Hm, komischer Vergleich, aber mal sehen, wohin das führt, wenn jemand, der mit Hilfe von Taschengeld, Oma und ein bißchen Hausaufgabennachhilfe einen auf dicke Hose macht und in einer ähnlichen Diskussion meinte, dass Sparen Unsinn sei, weil, das Geld müsse unter die Leute.
„Es gibt für mich nur drei Formen von Schulden. Erstens: Schulden, weil man kein Geld hat (Anm.: d.R.: um sich etwas zu kaufen). Zweitens: Schulden, weil man nicht genug Geld hat (Anm: d.R.: um etwas direkt und ganz zu bezahlen).“
Ich finde ja, da ist irgendwie kein großer Unterschied, halte aber lieber mal den Mund. Kartoffeln sind ja eh eher nicht so die Quasselstrippen und stecken gerade in der Krise, weil die Leute nicht genug Pommes essen.
„Wenn also nun nach der Krise das Geld nichts mehr wert ist, dann sind die Schulden ja auch weniger.“
„???“
„Deswegen: Können wir bitte die Schuhe kaufen, weil die steigen im Wert.“
„???“

Ich frage mich immer noch, was die Jugend heutzutage eigentlich in der Schule so lernt. Wobei, wenn der Unterricht nur virtuell bis gar nicht stattfindet, dann macht die Argumentationskette natürlich Sinn. Irgendwie. Schade nur, dass ich wohl nie erfahren werde, was die dritte Form der Schulden ist.

***

„Mami, wie ist das eigentlich, wenn man in einem Kampfjet fliegt? Hört man da ständig den Knall, wenn man die Schallmauer durchbricht? Und die eigene Stimme? Und ist es da nicht irre laut?“
„Keine Ahnung. Kann ich nur aus meiner Warte als Konsument von Top Gun beurteilen und da gab es kein Rauschen oder andere Störgeräuche im Cockpit. Mal abgesehen von Tom Cruise. Von daher eigentlich eher nicht, denke ich.“
„Ich glaube, das könnte ich mir auch gut vorstellen, so als Beruf.“
„Kampfjetpilot? Oder Schauspieler?“
„Ja.“
„???“

Schon klar, ist ja auch total naheliegend und vor allem von der Ausblidung und den Anforderungen her fast identisch.

***

„Mami, ich habe so einen Online-Test gemacht.“
„Aha.“
„Ja, weil ich ja schon so darüber nachdenke, was ich mal machen soll.“
„Sehr schön. Und? Was ist dabei rausgekommen?“
„Ich bei ein Debateur.“
Wow, die künstliche Intelligenz ist genauso schlau wie ich.
„Aber…manches passt voll und bei anderen Punkten sehe ich das anders.“

Debateur. 120%. Deutelt sogar an der Auswertung der eigenen Antworten rum.

***

„So, jetzt ist es amtlich: Maskenpflicht. Kannst Dich schon mal drauf einstellen.“
„Echt jetzt?“
„Ja, im öffentlichen Nahverkehr und in den Geschäften. Du kannst auch Dein Bandana nehmen, es muss keine Maske sein.“
„Hey, kann ich so eine Sturmmaske haben?“

Meine Assozation mit der Terroranschlagstheorie aus Lage(r)gespräche 2.0 plus der Kampfjetpilotberufswunsch hiermit in den Zusammenhang zu setzen, ist vielleicht etwas weit hergeholt, aber beunruhigend ist es doch irgendwie. Aber auf die Diskussion lasse ich mich besser nicht ein. Schon gar nicht mit einem, der sich als Debateur Karriere machen will.

***

„Mami, ich habe für morgen kein T-Shirt mehr zum Anziehen.“
„Ich hatte Dir auch gesagt, dass Du den Wäschekorb zur Waschmaschine bringen sollst und sortieren. Jetzt steht er immer noch hier, mitten im Gang. Das ist doch echt nicht zuviel verlangt.“
„Ja, aber das ist lohnt sich doch nicht, da kommt immer wieder Wäsche dazu.“

Willkommen in meinem Leben kann ich da nur sagen.

***

„Mami, muss ich jetzt, wenn ich in die Bank gehe, auch eine Maske tragen?“
„In der Theorie ja, aber ich weiß nicht so genau, ob das nicht auch eventuell missverstanden werden könnte? Vielleicht keine wirklich optimale Idee.“
„Können wir bitte eine Sturmmaske kaufen?“
„Wie wäre es, Du gehst erst nach Schalterschluß in die Bank, um Geld am Automaten zu holen.“

Langsam überkommt mich doch ein leicht mulmiges Gefühl. Irgendwas ist da in der Erziehung nicht ganz rund gelaufen. Ich hoffe, im Fall der Fälle können wir auf mildernde Umstände und Jugendstrafe plädieren.

***

„Mami, Du musst Dir das Video von dem Typen anschauen. Ich schmeiß mich weg. Auf die Frage, ob die Erde rund oder flach ist, sagt er ‚weder noch‘.“
Gesagt, getan. Es ist wirklich haarsträubend bizarr.
„Na ja, vielleicht ist die Erde ja wirklich eine Scheibe.“, erlaube ich mir zu bemerken.
„Nein, weil wenn man in die Sonne schaut, dann sieht man, dass es eine Kugel ist.“
„Also, wenn man in die Sonne schaut, sieht man erst mal gar nichts und dann ist man blind. Nehmen wir den Mond. Wenn ich nun so den Mond anschaue, dann sehe ich eine Scheibe, ganz ehrlich, keine Kugel.“
„Ja, aber wie soll denn dann sich alles um die Sonne drehen?“
„Vielleicht stimmt das ja gar nicht und es dreht sich doch alles um die Erde. Oder alles steht still und jeden Abend und Morgen lässt jemand die Rolläden runter und wieder hoch. Et voilá, die Sonne scheint.“
„…“

Jackpot, der Debateur ist sprachlos. 1:0 für mich. Wer braucht da noch die Bundesliga? Die spannendsten Partien finden in diesen Tagen am Küchentisch statt.

Licht am Ende

Und damit soll der Ausflug ins Lager enden, schließlich ist Licht am Ende des Tunnels erkennbar. Ziemlich schummrig, aber immerhin.

Brot und Spiele

Ganz ehrlich, ich bin raus.

Ich habe keine Ahnung mehr, was ich wann mit wem, wie, wo und wie lange machen darf.

Das Ganze erinnert mich zusehends an ein modernes „Brot und Spiele“ für die grauen Herren der Weltherrschaft oder welcher Realität auch immer.

Irgendjemand hat da einen fürchterlichen Verhau in die Matrix eingebaut, fast möchte man meinen, ein Virus sei eingeschleust worden und nun sitzen die Mr. Smith da, lachen sich ins Fäustchen und freuen sich, dass die Gehirne der Energiespender und Geldgeber für das System mit einem Sammelsurium an Ge- und Verboten beschäftigt sind, anstatt zu leben und am Ende daran auch noch Spaß haben und vor die Wahl gestellt, doch zur roten Pille der Erkenntnis greifen.

Erinnert sich jemand an die Szene, in der Neo von Mr. Smith verhört wird und er plötzlich keinen Mund mehr hat, um einen Anruf zu tätigen? Um sein Recht einzufordern? Um seine Meinung zu sagen? Ja? Genau, die Masken sind nur die Vorboten, optisch und akustisch definitiv nahe dran.

Matrix

Könnte also bitte jemand mir einen „ordentlichen“ Drink servieren, damit ich dem weißen Kaninchen folgen und im Wunderland der Wirklichkeit aufwachen kann, wo ich zusammen mit Absolom ein bisschen orakle, wann und wo wir uns mit der Grinsekatze wie lange treffen.