auf halber Strecke – Episode 1

PendelzugNeulich auf halber Strecke, über Nacht sind die Temperaturen auf empfindliche Minusgrade gefallen. Die Bahn fährt trotzdem. Sogar pünktlich. Fast. Nur 5 Minuten Verspätung.

Dafür geht die Heizung nicht. Mal wieder nicht, aber das kennt man ja. Im Sommer fällt die Klimaanlage aus, also warum sollte im Winter dann die Heizung funktionieren. Das wäre schon ein Widerspruch in sich. Nun gut, ich bin froh, einen Sitzplatz ergattert zu haben. Denn irgendwie scheint jemand anstatt der sonst üblichen Standardbahn den Kurzzug aus dem Depot geholt zu haben. Schon an der nächsten Station ist es also schon recht beengt. Missmutige Mienen und vereinzeltes Grummeln ist vernehmbar. Ob das an der Verspätung, dem verkürzten Zug oder der nicht heizenden Heizung liegt, lässt sich nicht so genau trennen.

Mir gegenüber sitzt eine Frau und telefoniert. „Ja, ja, die S-Bahn fährt. Na ja, wir fahren so dahin.“ Das stimmt, wir tuckern eigentlich mehr. „Dafür haben sie die Heizung vergessen“, fügt sie hinzu. Auch das stimmt. Alle Passagiere sitzen zusammen gekauert in dieser typischen starren Haltung, die man einnimmt, wenn der Körper versucht, das bisschen Restwärme für alle lebenserhaltenden Organe zu sichern. Jedenfalls komme ich mir so vor. Die Handschuhe habe ich beim Einsteigen unvorsichtigerweise ausgezogen. Inzwischen kann ich die Seiten meines Buches kaum noch umblättern, so steif sind meine Finger. Dafür sehe ich meine Atemwolken.

„Ne, nach draußen kann man nichts sehen, die Fenster sind zugefroren“, setzt die Handynutzerin den Gesprächspartner noch in Kenntnis. Ja, stimmt exakt. Eisblumen kommen mir in den Sinn und ich muss an eine Wohnung, die ich vor Urzeiten einmal bewohnt habe, denken. Die Fenster waren einfach verglast und es gab nur fließend kalt Wasser und in zwei von vier Zimmern einen Kohleofen. Da waren im Winter auch Eisblumen an den Fenstern und es war weiß Gott nicht so romantisch, wie das in vielen Filmen immer rüberkommt.

Nach zwei Stationen ist es nicht wirklich wärmer, aber mittlerweile so gedrängt voll, dass ich von meinem Sitzplatz jeglichen Augenkontakt zu den dicht an dicht stehenden Mitreisenden vermeide, um keine Begehrlichkeiten zu wecken. Wobei, vielleicht habe ich doch die schlechteren Karten, so enger Körperkontakt soll ja bekanntlich dem Erfrierungstod entgegenwirken. Mein Vater pflegte ich in solchen Situationen mir immer recht altklug den Rat zu geben, ich solle mir doch warme Gedanken machen. Ob es wohl drinnen mittlerweile kälter als draußen ist?

Die Frau gegenüber sitzt stumm vor sich hinbrütend da. Ich hege den Verdacht, dass der Akku aufgrund der Kälte den Geist aufgegeben hat. Auf die Raumtemperatur im Gesamten wirkt sich die Menschenmenge jedenfalls auch nach einer halben Stunde Fahrt nicht aus. Die meisten scheinen nur innerlich zu kochen.

Apropos halbe Stunde, da sollte ich eigentlich schon seit einer Minute an meinem Zielbahnhof angekommen sein. Aufgrund der gemächlichen Schleichfahrt heute, fährt die Bahn aber erst mit zwanzig Minuten Verspätung ein. Ob das nun dem Wetter geschuldet ist, oder um die Passiere zu quälen, sei dahingestellt. Ich jedenfalls laufe mit Eisblöcken an den Füßen los, um wenigstens einigermaßen pünktlich am Schreibtisch zu sitzen. So fällt mir dann auch erst bei der Heimfahrt, als ich abends auf dem Bahnsteig warte, auf, dass die Anzeigentafeln, welche seit Monaten nichts oder nur vereinzelte Striche ausgewiesen haben, wieder funktionstüchtig ihren Dienst tun. Tja, man muss bei den Instandhaltungsmaßnahmen eben Prioritäten setzen, überlege ich. Entweder Anzeigentafeln oder Heizung.

Genug für heute. Die Türen schließen. Und ich bin wie immer mittendrin und voll dabei.

 

auf halber Strecke – Auftakt

Seit geraumer Zeit pendele ich nun. Also, nur damit das klar ist, wir reden hier von vollen Zügen während des Berufsverkehrs und nicht von diesen niedlichen Zauberutensilien für den Hausgebrauch, die zuverlässig und akkurat berechenbar und ohne Verzögerungen hin und her pendeln.

Wobei das einfach auch eine Frage der Definition sein kann, heißt es doch schön in einer solchen: „..ein von Wahrsagern verwendetes Metallstück, das an einem dünnen Faden in den Händen okkultistisch begabter Personen gehalten wird und an bestimmten Stellen ausschlägt und so Antwort auf unerklärliche Fragen gibt“.

Also, wenn man mich fragt, da steht Bahn ganz dick drüber. Metallstück, klar, ist der Zug. Dünner Faden, eh klar, das ganze Schienen- und Zeitmanagement hängt so was von am seidenen Faden.

Okkultistisch begabte Personen sind alle Bahnangestellten, beziehungsweise so lautet bestimmt die Stellenbeschreibung, die dann doch keiner liest und noch weniger erfüllt. Und das mit der Begabung ist beim vorherrschenden Fachkräftemangel ja in allen Branchen ein Thema. Da ist man bisweilen froh, wenn die Bahnmitarbeiter Sätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt bilden können.

An bestimmten Stellen ausschlagen, logo, das sind so Dinge wie Störungen bei Türen, Signalen, Weichen, Stellwerken, Bahnschranken, Oberleitungen, Triebwägen und Technik im Allgemeinen, Einsätze aller Art und höhere Gewalt, also dem Wetter – egal, ob heiß oder kalt.

Und die unerklärlichen Fragen sind die der Bahnkunden, die immer da sind, wo sie am meisten stören. Tja, dass in der Kombination mit fehlender Begabung an bestimmten Stellen, die unerklärliche Fragen hervorrufen, keine Antworten zu finden sind, erklärt sich von selbst und jeder weitere Erklärungsversuch erübrigt sich somit. Nichts verstanden? Macht nichts, die meisten Lautsprecherdurchsagen, wenn es denn überhaupt welche gibt, sind ebenso dürftig und man muss sich seinen Teil denken und auf das Beste hoffen.

Ich will aber nicht in den bisweilen allgemeinen Tenor einstimmen und mich hier über die Bahn, respektive den Nahverkehr und alles, was dazu gehört, auslassen. Mir geht es um die Menschen im Zug. Und da oute ich mich jetzt als mehr oder minder heimlicher Lauscher, wobei die Gespräche ja so gesehen im öffentlichen Nahverkehr genau das sind, nämlich öffentlich.

Man höre und staune, es gibt tatsächlich noch Menschen, die sich in Zügen unterhalten. Ohne mobiles Endgerät und von Angesicht zu Angesicht. Und da passiert es hin und wieder, dass mich so manches Gespräch in den Bann zieht und zum Mithören veranlasst. Darum soll es in meiner neuen Rubrik „auf halber Strecke – der menschliche Zug“ gehen.

Die bayerische Landeshauptstadt bezeichnet sich ja gern als Weltstadt mit Herz, was hinlänglich bekannt sein dürfte. München ist aber auch die Hauptstadt der Pendler und liegt bundesweit auf Platz 1. Tagtäglich pendeln mehr als 560.000, ich bin einer davon und das sind ihre Geschichten.…

Pendelzug

Tatort des Monats Januar

Getrieben von der Unruhe und dem schlechten Gewissen, bin ich mir zu nichts zu schade.

Tatort: HWR (Haushaltwirtschaftsraum, wenn man denn so etwas in seinen vier Wänden aufzuweisen hat – also ich nicht)

Tatbestand: Fällige und überfällige Haushaltspflichten

Tatortsäuberung: Davon, dass man sich und allen anderen, die es nicht mehr hören wollen, immer wieder solch unliebsame Pflichten wie Bügeln, Stopfen, Knopf annähen etc. vorsagt, erledigen sich diese wundersamerweise nicht von selbst. Also heißt es, selbst Hand anlegen. Und was soll ich sagen, hat gar nicht weh getan, war kein Akt und fühlt sich gleich viel besser an.

 

Auf ein Neues

Der 6. Januar ist nicht nur der Tag der heiligen Drei Könige und der Auftakt für die Runden der Sternsinger, es ist auch der erste Tag nach den Rauhnächten, so gesehen der eigentliche Jahresauftakt. Ab jetzt ist es wirklich vorbei mit der Zeit zwischen den Jahren und wer bis dato noch im Urlaubsmodus war, darf spätestens morgen wieder den Dingen des Alltags gegenübertreten. Noch ein kurzer Blick zurück – schön war’s und dann mit Elan in eine neue Runde im Jahreszeitenkarussell.

Was ist also aus den Wünschen für 2018 geworden, die ich während der damaligen Rauhnächte an die guten Geister übergeben hatte und jenem (hier nachzulesen), dessen Erfüllung mir selbst überlassen war?

Nun, einige Herzensangelegenheiten liegen mir noch immer auf der Seele und am Herzen. Wahrscheinlich aber war die eine oder andere Aufgabe einfach zu gewaltig, um sie in nur zwölf Monaten ins Reine zu bringen. Ich selbst hatte mir ja mit dem Wunsch, jeden Tag aktiv zu sein, ein ziemlich hohes Ziel gesteckt. Und selbst wenn ich den Begriff „aktiv“ dehnbar auslege, dann muss ich noch immer zugeben, dass ich dem nicht ganz gerecht geworden bin. Traurig, enttäuscht oder gar wütend bin ich aber nicht im Geringsten.

2018 war mit Sicherheit kein Jahr, über das ich mich beklagen kann. Derart viele Eindrücke sind geblieben und an Tagen, an welchen ich so richtig faul, ja schon fast lethargisch, war, konnte meine Seele in diesen Erinnerungen schwelgen.

Und weil 2018 ein ganz besonderes Jahr und so ganz außer der Reihe war, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich den guten Geistern auch mal eine Auszeit gönnen sollte. Und so habe ich die diesjährigen Rauhnächte nicht mit Ritualen und Orakeln und so weiter zelebriert, sondern sie einfach in Gedanken angenommen und mit den Stürmen, die ums Haus getobt sind, vorüber und weiter ziehen lassen. Ganz entspannt.

Nur heute, da konnte ich nicht umhin, den Geistern und verirrten Seelen die Tür mit Hilfe von Weihrauch, Räucherstäbchen und Besen in der modernen Variante in Form eines Staubsaugers zu weisen.

Räucherwerk

Kein Platz herrscht in meinen vier Wänden für die dunklen Seiten der andersweltlichen Wesen. Selbst den jugendlichen Mitbewohner konnte ich damit aus seiner Höhle hervorlocken: „Wieso stinkt es hier so nach Weihrauch?“ Sehr witzig von jemandem, dessen Zimmer gern mal nach Iltis oder Büffel oder einer Kombination davon riecht. Und etwas später: „Wieso ist es so kalt hier?“ Und das von jemandem, der bei knackigen Minusgraden gern mal frägt, ob denn wohl der Windbreaker ausreiche.

Also alles beim Alten und irgendwie trotzdem neu. Vielleicht ziehe ich ja doch noch eine Tarotkarte zu späterer Geisterstunde.

 

Eure Kerstin

Tatort des Monats Dezember

Jedes Ende sollte einen ordentlichen und sauberen Abschluss haben. Das gilt für das Kalenderjahr, an dessen Ende ich gern, wenn und soweit möglich, alle losen Enden mit einem Endknotenpunkt versehe. Und das gilt für Lebensphasen jedweder Art. Von daher in Anlehnung an meinen letzten Beitrag „Der Preis der Freiheit“ und als Abschluss dessen dieser Tatort.

Tatort: KücheThermoskanne

Tatbestand: Thermoskanne

Tatortsäuberung: Die rote Thermoskanne hat mich jahrelang treu durch meinen Arbeitstag begleitet und für ein bisschen Wärme bei so manch eisigem Zug im Büroalltag gesorgt. Wie man an den vielen Dellen, Dullen und Abschürfungen erkennen kann, haben wir quasi den gleichen Leidensweg hinter uns. Nun ist dieser Weg zu Ende. Meinem ersten Impuls, sie in Ehre zu halten und einer neuen Bestimmung zuzuführen, habe ich schlussendlich nicht nachgegeben und lieber einen ordentlichen und sauberen Abschluss gewählt. Möge die dienstbare Thermoskanne also eine vollkommen andere und hoffentlich sinnstiftende zweite Chance erhalten. Ich für meinen Teil habe meinen Abschluss gemacht und bin bereit für neue Anfänge.

 

Der Preis der Freiheit

Veränderungen gehören zum Leben dazu. Manche initiieren wir selbst, manchen werden wir ohne unser Zutun ausgesetzt. In der modernen Arbeitswelt gehören beide zum Alltag. Change Management, Umstrukturierung, Wandel der Firmenkultur, und wie die Kurswechsel nicht alle heißen. Manchmal ist man morgens schon froh, wenn man seinen Schreibtisch noch am alten Platz findet, wobei es ja auch Firmen mit freier Sitzplatzwahl gibt. Besitzansprüche an Möbel entstehen so gar nicht erst und so mancher Kollegenwechsel geht dann spurlos an einem vorüber.

Nun, Veränderungen gehören nicht nur zum Leben, sondern eben auch zum Arbeitsleben. So gesehen eine etwas schizophrene Vorstellung, die Idee, dass man zwei Leben hat, die parallel nebeneinander existieren und sich immer wieder und immer mehr miteinander vermischen. Gleichzeitig sollte man sich auch darüber im Klaren sein, dass man einen Großteil seines Lebens mit Arbeit verbringt. Da sollte es also auch ein Unternehmen sein, das zur eigenen Persönlichkeit passt. Wie ein Lebenspartner.

Von daher ist die Entscheidung, mich zu trennen, nicht allzu schwer gefallen. Wenn man für ein Unternehmen tätig ist, in dem Vision und Realität ganz nah beieinander und doch Welten dazwischen liegen, dann stellt sich irgendwann die Frage, inwieweit ich mich für Geld prostituiere und dabei meine Prinzipien und Vorstellungen über Bord werfe. Nach dem Motto Geld stinkt nicht, auch wenn es einen schalen Geschmack im Mund hinterlässt. Dann wird der Lohn zum Schmerzensgeld und selbst das ist nicht genug.

Der Abschied hat sich gezogen, wurde hinaus und immer wieder verschoben. Was nützt es, wenn die Arbeitsbedingungen der reine Luxus sind, einen die Arbeitsinhalte aber krank machen? Am Ende half mir das berühmte Maßband, den Ausstieg nicht aus den Augen zu verlieren.

Maßband

Die Entscheidung für eine Auszeit, um Freiraum zu schaffen und mal wieder Luft zu(m) Atmen zu kommen, war also eher eine Notwendigkeit. Wo will ich hin? Was will ich mit dem Rest meines Lebens anfangen? Die Freiheit, ohne Zwang den eigenen Wünschen, wenn auch für einen begrenzten Zeitraum, zu folgen, ist unbeschreiblich. Der Preis der Freiheit kostet weniger als dass sie wert ist.

An den Neuanfang sind nun also ziemlich hohe Erwartungen geknüpft. Es geht darum, die eigenen Vorstellungen vom Lebenspartner Arbeit mit der Realität zu vergleichen und zu sehen, was übrigbleibt. Die Wahlfreiheit ist auf dem Papier gegeben. Die Zugeständnisse muss man mit sich selbst vereinbaren. Mal gewinnt man, mal verliert man. Und das zumeist ohne scheinbar logische und nachvollziehbare Regeln.

Eure Kerstin

Briefe

Vor kurzem erhielt ich über die Eltern-Mailingliste eine Warnung zum Thema Kettenbrief. Das war ganz offiziell vom einem der unzähligen Ministerien an die Schulen, dann an die Elternsprecher und nach zig Weiterleitungen an die Eltern der einzelnen Klassen verteilt worden. Also, auch irgendwie ein Kettenbrief. Man kennt das auch aus dem Büro, wo man dann in der Mail zuerst seitenweise nach unten scrollen muss, um den eigentlichen Inhalt zu lesen, so oft wurde diese kommentarlos an alle möglichen Kollegen, die sich dann nicht mehr durch etwaiges Nichtwissen herausreden können, adressiert. So passiert es auch manchmal, dass man dieselbe Mail zweimal/mehrmals bekommt, über verschiedene Mailingrouten. Informationsflut ist ein schöner Begriff und im Grunde noch viel zu harmlos für diese Art von Ressourcenverschwendung bei Mensch und Maschine.

Früher, nein, früher war nicht alles besser, aber das hätte es so nicht gegeben. Da gab es noch Verteilerlisten, wobei die Rangordnung darüber entschied, für wen die Nachrichten News waren und für wen Schnee von gestern und man musste mit seiner Unterschrift den Erhalt bzw. das Lesen bestätigen, bevor man es an den nächsten weiterreichte. Noch viel früher, also als die Produktivität noch mit den Anschlägen auf der Schreibmaschine gemessen wurde, hat man vielleicht eine Karbonkopie (kennt überhaupt noch jemand diese blauen Kohlepapiere, bei denen man auch nicht einen einzigen Fehler machen durfte? Ha, von wegen Autokorrektur und Tintenkiller) bekommen. Dann gehörte man aber auch schon zum ziemlich erlauchten Kreis der Eingeweihten.

So in etwa zu der Zeit gab es auch noch so richtige Kettenbriefe. Von Hand geschrieben und mit einer Briefmarke, die man mit Spucke aufkleben musste. Herrje, eine graphologische Schriftprobe plus DNA, das ist ja fast noch besser, als die Haustür einfach auf zu lassen und dann zwei Wochen in Urlaub fahren.

Am Ende des Briefes stand eine Liste mit Namen und Adressen (das Wort Datenschutz musste da erst noch erfunden werden) und man musste der Nummer eins einen Brief schreiben. Dann musste man den ganzen Brief zehnmal abschreiben, aus Nummer zwei wurde Nummer eins und man selbst war die letzte Nummer auf der Liste und an zehn Freunde schicken. Und irgendwann sollte man dann ganz viele Briefe bekommen. Der Inhalt war eigentlich immer Nebensache, aber man wurde doch eindringlich gebeten, dass man die Kette nicht abreißen lassen sollte und man würde ja auch eine Flut an Briefen als Dank erhalten.

Also, ich habe da immer mitgemacht und nicht einen einzigen Brief bekommen. Eine echte Katastrophe, immerhin hatte ich viel Zeit und mein Taschengeld investiert. Ja, auch damals schon waren postalische Sendungen ein teures Hobby. Wenn ich so darüber nachdenke, könnte ich mir das auch als eine Aktion zur Bilanzverbesserung der ehemals staatlichen Behörde vorstellen. Im Grunde war auch die Enttäuschung, keine Post zu bekommen ungleich höher als die Erleichterung, dass einen kein Unglück ereilt hat, weil man die Kette aufrecht erhalten hat.

Heute schreibt eigentlich niemand mehr so richtige Briefe. Selbst Postkarten sind eine Seltenheit. Eigentlich schade. Irgendwie fehlt mir das manchmal, die Freude, wenn man den Briefkasten aufmacht und da liegt ein handgeschriebener Gruß. Es gibt einem auch so ein bisschen das Gefühl, dass man dem anderen wichtig ist. Vielleicht sollte ich mal einen Kettenbrief in Umlauf bringen. Dann wäre ich immerhin die Nummer eins auf der Liste und das sollte es doch mit der Flut an Dankesbriefen eigentlich klappen. Zuerst versuche ich aber mal, dem Nachwuchs die Angst zu nehmen.

Ich stapfe also pflichtschuldigst ins Kinderzimmer, um meinem Erziehungsauftrag nachzukommen:
„Ich habe eine Mail bekommen.“
„…“ (hypnotisierter Blick auf den Bildschirm)
„Darin heißt es, es geht derzeit ein Kettenbrief per WhatsApp rum.“
„…“ (s.o.)
„Den sollt Ihr nicht weiterleiten, der greift persönliche Daten von den Geräten ab.“
„…“ (s.o. oder habe ich da ein Augenrollen gesehen?)
„Also, egal, was für Kettenbriefe Du bekommst, die leitest Du einfach nicht weiter, auch wenn das was von Unglück und Sterben und sonstigem Unheil steht.“
„…“ (also das war jetzt definitiv ein Augenrollen)
„Ich mein ja nur.“
„Mach ich eh nicht“, begleitet von einem ironischen Geräusch, das man auch als Schnauben, Grunzen, genervtem Ausatmen bezeichnen könnte. Aber eigentlich war es eher diese Kombination aus ihr-ward-vielleicht-damals-so-doof und Briefe-egal-in-welcher-Form-sind-so-was-von-gestern.

Briefe

Voller Erfolg würde ich sagen. Nur für wen müssen wir nochmal klären. Vielleicht schicke ich dem jugendlichen Mitbewohner einfach mal eine Mail oder eine WhatsApp. Ein Brief würde ihn sicherlich total überfordern, denn ich könnte fast schwören, dass er noch nicht mal weiß, wo unser Briefkastenschlüssel geschweige denn dieser hängt.

Eure Kerstin