Blätterwald

Neulich war Toilettenpapier im Angebot. Nicht einfach nur Toilettenpapier, sondern jenes, welches vor so ziemlich 1 ½ Jahren als einziges noch zu haben war. Damals, als mir das Leben als ein merkwürdiger Ort vorkam (Link).

Ich stehe im Supermarkt vor dem Regal. Toilettenpapier, soweit das Auge reicht und in allen erdenklichen Ausführungen. Und ich denke: Ist das wirklich erst 19 Monate her? Es kommt mir gleichzeitig unendlich länger und wie gestern vor.

Das passiert mir seit einiger Zeit immer öfter. Meine Erinnerung spielt mit mir und gaukelt mir weit zurückliegende Ereignisse als jüngste Vergangenheit vor. Und ich frage mich auch, ob ich mir die Zeit von damals zurückwünsche. Eine Zeit, die irgendwie aus dieser gefallen schien und ebenso Aufbruch wie Stillstand beinhaltete. Ein Limbo im Universum.

Neulich las ich den Satz von F. Scott Fitzgerald: „In der dunklen Nacht der Seele ist es immer 3 Uhr morgens. Tag für Tag.“ Wer schon einmal nachts um 3 Uhr unfreiwillig aufgewacht ist und aufgrund Kopfkinos und Gedankenwälzen nicht wieder einschlafen konnte, weiß wovon ich rede. Wie dunkel es um diese Uhrzeit sein kann und dass die wahre Geisterstunde genau dort, am Tor zu den eigenen Seelenabgründen, beginnt.

Mit abwesenden Gedanken verharre ich vor dem Regal, greife nach verschiedenen Packungen und ertappe mich dabei, wie ich die Blattzahl vergleiche. In Relation zum Preis setze.

Was, wenn jedes Blatt ein Monat, eine Woche, ein Tag in meinem Leben wäre? Was ist die ausreichende Anzahl an Blättern, die ein Leben ausmachen? Wie viele Blätter braucht es, um glücklich zu sein?

Möchte ich ein Leben, weichgespült mit Kamillenblüten? Übertüncht mit Lavendelduft? Oder lieber blütenrein weiß? Steril? Wie viele Lagen brauche ich, um mich sicher zu fühlen? Wie viele Lagen braucht es, um einen zu beschweren, einzuengen? Jeden Aufprall zu dämpfen?

Vielleicht das recycelte? Das Leben als endlose Wiederholung aufgewärmter Episoden. Von Mal zu Mal etwas unansehnlicher, abgenutzter, grauer. Wie viel ist es wert, das Leben? Sind manche mehr wert als andere? Die Rolle meines Lebens? Oder ein Leben von der Rolle? Aufgewickelt, sich langsam entfaltend, Fahrt aufnehmen mit jeder Umdrehung schneller werden. Zum Ende hin verknittert, faltig und zerrissen. Und was, wenn beim letzten Blatt einfach noch so viel Leben da ist?

Irgendwie ist das Leben noch immer ein merkwürdiger Ort. Was es das am Ende vielleicht sogar schon immer?

Zeitreisen in die Zukunft: Gefühlte Welt

Am Horizont geht die Sonne unter. Sehen tue ich das natürlich nicht. Nur die Tatsache, dass die Beleuchtung von Tag auf Nachtmodus umschaltet ist das untrügliche Anzeichen, dass das Leben aktiv ist.Sehen tue ich jedoch nur den Bildschirm vor mir. Zahlenreihen und Ziffernkolonnen, die bearbeitet werden wollen. Schwarze Zeichen auf weißem Grund am Tage und weiße Zeichen auf schwarzem Grund in der Nacht. Tagein. Tagaus. Die Frage nach dem Warum und Wofür ist mir schon lange abhandengekommen. Vielleicht habe ich es auch vergessen. Vielleicht hat das alles mal einen Sinn ergeben. Doch zum Überdenken bleibt keine Zeit. Vielleicht will ich das auch gar nicht mehr. Irgendetwas schaltet sich dazwischen und stoppt die aufkeimende Gedankenenergie. Schließlich gibt es da ja noch das Leben.

Und dann schaltet sich der Bildschirm aus. Ich zucke zusammen. Immer noch. Immer wieder. Wie lange eigentlich schon? Doch bevor ich meinen Gedanken noch mehr Raum geben kann, werde ich in die Höhe gehoben und die Hände, die mich tragen, sind warm und weich und erinnern mich an all die Stunden in Deinen Armen. Behütet und eingehüllt werde ich getragen. Alles um mich herum verschwimmt in seiner Bewegung, so dass ich, egal wie angestrengt ich etwas auszumachen versuche, nichts erkennen kann.

„Du Dummerchen“, vernehme ich ein Flüstern, „Du kannst doch gar nichts sehen. Du hast doch gar keine Augen mehr. Warte, ich schalte sie ein.“ Und während ich noch der Stimme nachhänge, so sanft wie einst die Deine, tauchen vor mir die Bilder des Lebens auf.

Die Sonne, wie sie aufgeht. Die ersten Strahlen, welche über die Erde streifen. Ein Prickeln auf meiner Haut. Das Licht, das seinen Weg findet und mich blinzeln lässt. Die Welt, wie sie erwacht. Freude macht sich breit, so als würdest Du gleich vor mir stehen.

Fragend schaue ich mich um. „Oh“, schaltet sich die Stimme ein,“ Moment, die Ohren sind noch auf Stand-by.“ Und dann höre ich es wirklich. Das Knistern, die Geräusche, die Töne, das Rauschen, Wind, Wellen, Wetter, Stimmen, Gesang.

Ich wandele umher in dieser Welt aus Bildern, in einem Leben, das mich hält und gerade so viel Gefühle in mir produziert, um die nächste Einheit abliefern zu können. Doch das Leben, das übernehmen die anderen. Sie sammeln die Bilder, die Sinneseindrücke, um sie dann mir zurück zu geben. Einem Menschen, ohne Sprache, ohne Sinnesorgane. Dafür ewig existent.

Zeitreisen: Allgegenwärtiges

Im Hier und Jetzt, so wird es einem ja suggeriert, gibt es keine Sorgen, keine Angst, keine Zweifel, nur den Augenblick und das augenblickliche Glück. Im Hier und Jetzt sind wir einfach. Das Leben ist frei. Vor allem wertfrei. Neutral. Doch egal, wie sehr ich meinen Geist auch darauf fokussiere, im Hier und Jetzt zu sein, die Gegenwart wird damit trotzdem nicht erträglicher.

Das Thema hatte ich ja auch bereits in meinem Beitrag der „Grenzgänger und Grenzpendler“. Allerdings mit einem ganz anderen Bezug und im Rahmen meiner Zeitreisen, deren geistige Nahrung im Durcheinander von Wellen und Bremsen und Lockerungen und anderen Ungetümen bürokratischer Wortmonströsitäten zerrieben worden ist.

Nun also eine neue Annäherung ans Reisen. Der Blick zurück? Eher lieber nicht. Von der Vergangenheit haben wir alle ja mehr als genug und würden diese nur allzu gern jetzt und hier und sofort hinter uns lassen und am besten auch gleich vergessen, bevor sie einen weiterhin in die Melancholie, nah an den Rand der Depression treibt. Dann doch lieber nach vorn schauen, mal den Kopf, schwer vom starren Blick auf Monitore, Displays und Mattscheiben, heben und erwartungsvoll in Richtung Zukunftshorizont schicken.

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In Anbetracht der Tatsache, dass es, das Reisen, ja schon bald nicht mehr nur virtuell, sondern so ganz echt passieren könnte und wir uns dann fragen, wie wir dereinst in diese Menschenansammlungen, wo es zwar keine Weichzeichnerfilter, dafür aber Menschen mit Armen und Beinen und in 3D gab, so eintauchen konnten und wo es dann wahrscheinlich so erdrückend voll sein wird überall, so dass man freiwillig in die heimeligen vier Wände flüchtet, auch vorerst nur der gedankliche Sprung in eine andere Dimension. Schließlich soll der Geist ja nach über einem Jahr Entzug nicht gleich überfordert werden bei der Frage nach dem Wohin, wohin sollen wir denn nun reisen? Jetzt und hier? Also lieber langsam angehen lassen. Die Lage sondieren sozusagen.

Ja, die Zukunft. Sie erscheint als unerreichbarer Sehnsuchtsort in der Ferne, während sie gleichzeitig mit Erwartungen unerfüllbar überladen wird. Im Grunde will ich jedoch nicht über die Zukunft nachdenken. Warum sollte sie ein besserer Ort sein als die Gegenwart? Die gefällt mir schließlich schon jetzt nicht.

Das Sammelsurium

„Es ist ganz schön still hier.“ Der Geliebte schaut mich eindringlich an. Er meint den Blog. „Ich muss mich erst sammeln“, entgegne ich und weiß doch, die grenzenlose Sprachlosigkeit meiner Seele erschlägt mich schier.

Aber eigentlich sammele ich unentwegt. Ganz ungewollt: Feiertage, Alltage, Geburtstage, Jahrestage, Abschiede ohne Worte, Warteschlangen, Behördengänge, Telefonate, Beschwerden, Gebrechen, Albträume, Pannen, Wunden, Unfälle, graue Haare, Luftschlösser, Pläne, Hoffnungen, Beschränkungen, Scherben, Tränen, Trübsal, blaue Flecken, Illusionen, Fragmente, Abgabetermine, Onlineendlosschleifen.

Nichts scheint an mir vorüberzuziehen. Dabei erinnere ich mich nicht, „hier“ gerufen zu haben. Ein ganzes Sammelsurium für mehr als eine Krise. Eine wabernde Masse ohne Umrisse und Grenzen.

Die Seele, mittlerweile so rissig und dünn wie die Haut an meinen Händen vom permanenten Waschen und Reinigen und Schrubben. Blau und wund gescheuert. Steif und taub. Es gibt Tage, da gehe ich mit Gedanken schlafen und wache mit Sorgen auf. Dunkle Tage, wie sie eine Freundin nennt.

Scherben

Unlängst schaltete sich aus unerklärlichen Gründen während eines Telefonats unbemerkt der Anrufbeantworter mit ein und verkündete dann mittendrin „Sie haben die maximale Aufnahmedauer erreicht“, was im Gespräch für viel Gelächter und Spekulationsstoff sorgte.

Wie gern würde ich das dem Leben auch einmal zurufen. Oder ihm den Einhornstift reichen, den mir eine liebe Freundin vor kurzem schenkte und zugleich vielwissend hinzufügte: „Mit dem kann man Fehler ausradieren“.

Ja, es ist ein sogenanntes Jammern auf hohem Niveau. Und ja, es ist ein privilegiertes Leben, das ich führe. Aber…, ich kann es auch nur von meiner Warte aus sehen. Meine Perspektive ist der Ausgangspunkt.

In meinem Elternhaus hing im Treppenhaus ein Bild eines Kindes. Verdreckt mit zerschlissenen Kleidern und verfilzten Haaren. Hungrig die Finger ableckend. Irgendwo in einem dieser unzähligen Elendsviertel der Welt. Mein Vater deutete des Öfteren auf die Aufnahme, wenn ich am Essen etwas auszusetzen hatte oder seiner Meinung nach übergroße Ansprüche an den Tag legte. „Andere Kinder hungern“, war der Beginn seiner Rede, die mich auf den Boden der Tatsachen bringen sollte. Und immer dachte ich: Ja, ich verstehe das, aber das bin nicht ich. Ich bin hier und will einfach nur gesehen werden.

Und heute? Ich erinnere mich an meine 2018 entworfene Sechs-Wort-Geschichte und die entsprechende Bestandsaufnahme, dass ich irgendwie irgendwo den Anschluss verpasst habe. Der ungewisse Ausgang bleibt, auch wenn der Seelenanker mich fest in seinen Armen hält und mir leise ins Ohr flüstert. Meine Seele ein Sammelbecken für die damit einhergehende Stille.

Zeitreisen in die Gegenwart: Von Grenzgängern und Grenzpendlern

Die Entfernung, die wir von Dingen oder Menschen empfinden, richtet sich nach dem Verhältnis zu ihnen und den damit verbundenen Emotionen. Der Zahnarztbesuch, auch wenn dieser noch Wochen hin ist, liegt mir schon jetzt im Magen, aber das Wiedersehen mit dem Geliebten ist gefühlt Ewigkeiten entfernt, während gleichzeitig das letzte Treffen bereits eine Unendlichkeit in der Vergangenheit zu liegen scheint. Auch wenn zwischen beidem nur eine Woche liegt. Gefühle haben eben ihre ganz eigene Zeitrechnung. Und sie lassen sich weder begrenzen, noch durch Grenzen bestimmen. Nicht umsonst spricht man von grenzenloser Liebe.

Das mit der Entfernung zu dem Geliebten und den Emotionen, die jede Trennung begleiten, liegt eben daran, dass ich, wie der Name schon sagt, den Geliebten liebe und meinen Zahnarzt eher nicht. Im Normalfall jedenfalls. So eine Sehnsuchtsliebe ist aufregend und immer auch wieder ein bisschen wie neu verlieben. Ständig hüpft man mit den Gedanken zwischen den Erinnerungen an das letzte Mal und der Vorfreude auf das nächste Zusammensein umher. Wehmut und Bauchkribbeln lösen sich nahtlos miteinander ab. Mit einem Teil des Herzens fühlt man den Küssen und Umarmungen nach, während der andere Teil die Wärme und Zärtlichkeit des nächsten Treffens förmlich schon spüren kann. Das Gefühlspendel schwingt dabei mühelos zwischen hin und her und kommt doch niemals an. Jeder Schritt, weg von der Vergangenheit, ist auch ein Schritt in die Zukunft.

Dabei vergisst man, dass es noch ein Dazwischen gibt. Leider. Denn nur auf der Grenze zwischen dem Gestern und Heute sind wir ganz. Ganz bei uns. Ganz wir selbst. Und auch ganz mit uns.

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Zeitreisen in die Gegenwart: Dinge, die das Leben besser machen

Angeblich kann man, wenn man küsst, die Zeit anhalten. Und wer sich schon mal beim Küssen hat fallen lassen, weiß um die Verzauberung der Zeit, die damit einhergeht. Das Universum dehnt und streckt sich, um allen Gefühlen Platz zu machen und nichts kann Sorgen, Ängste und das Gedankenkarussell so unmittelbar mundtot machen wie ein einziger Kuss. Eine Reise in die Unendlichkeit, die nur im Hier und Jetzt möglich ist.

From „How to stop time” by Matt Haig: “A kiss […] is like music. It stops time […] If you feel for someone, just one single kiss can stop the sparrows, they say.”

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Das Ende kommt unweigerlich, wenn ich wieder mit mir allein bin. Der Geliebte, augenscheinlich Lichtjahre entfernt. Plötzlich ist die Welt ganz nah. Zu nah.

Der Geist nicht in der Lage, der Gegenwart Herr zu werden. Der Körper taub von der Anstrengung, wieder mit der Zeit zu gehen. Die Seele, aus der Zeit gefallen, kämpft sich zurück. Das Herz, konzentriert auf den eigenen Rhythmus, um nicht aus dem Takt zu kommen. Mitunter brauche ich Stunden, um dem Alltag wieder entgegen zu treten und ihn in mein Leben zu lassen.

Die Zeit wieder in Gang zu setzen verlangt einem weitaus mehr ab als diese anzuhalten. Ein erschöpfender Kraftakt, gleich einer Metamorphose. Jeder Atemzug eine Qual, so als ob man erstmals seine Lungen mit Luft füllen würde.

Die Liebe gehört eindeutig zu den Dingen, die das Leben besser machen. Derzeit umso mehr. Küss mich doch noch mal, bitte.

“Love is where you find meaning […]. That’s the thing with time […] It’s not all the same. Some days – some years – some decades – are empty. There is nothing to them. It’s just flat water. And then you come across a year, or even a day, or an afternoon. And it is everything. It is the whole thing.“

Zeitreisen in die Gegenwart: Die Mitte

Als ich einem Kollegen vor ein paar Tagen zum Geburtstag gratulierte, hat er sich natürlich bedankt und dann meinte er: „Wieder ein Jahr…wenigstens muss man nichts können zum Alt werden.“ Da musste ich schmunzeln. Stimmt, alt wird man/frau von allein. Und dann dachte ich: Hm, also tun muss man nichts, aber nichts können? Da bin ich mir nicht so sicher.

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Als Angehörige der Generation Mitte muss ich eine ganze Menge können, schließlich bin ich das Rückgrat der Gesellschaft und erwirtschafte über 80 Prozent der steuerpflichtigen Einkünfte wie ich unlängst in einem Bericht des Tagesspiegels lesen durfte. Also nicht ich allein, sondern wir alle, die sich da so in der Mitte tummeln.

Die Mitte ist grundsätzlich ja eher nicht so der beliebteste Ort. Weder beim Betreten des Aufzuges noch beim Erfolg. Individuell ist sie auch nicht und irgendwie hat es was von Enge und Sardinenbox. Mitte klingt auch ein bisschen nach mittelmäßig. Angepasst und konform und eigentlich mit allem, was einen „guten“ Deutschen charakterisiert und ebenso auch glatt wie langweilig macht. Wo wir doch alle immerzu auf der Suche nach dem Ich, dem Herausragen und unserer Einzigartigkeit sind. Am besten ganz oben. Da, wo es einsam und rau und heroisch zugeht.

Gleichzeitig ist die Mitte aber auch ein sicherer Ort. Man läuft nicht Gefahr, am Rand abzustürzen, den Anschluss zu verpassen. Im Tierreich sind die Außenseiter meist immer diejenigen, die zuerst gefressen werden und es bei der Partnerwahl schwerer haben. Angepasst sein führt in dem Fall zu einer höheren Überlebenschance und Akzeptanz. Der Einzelgänger muss weitaus mehr Energie und Kraft aufbringen und mehr Risiken eingehen.

Der eine oder andere mag sich, wenn auch dunkel, an die Sicherheitshinweise beim Fliegen erinnern: „Sollte der Druck in der Kabine sinken, fallen automatisch Sauerstoffmasken aus der Kabinendecke. In diesem Fall ziehen Sie eine der Masken ganz zu sich heran und drücken Sie die Öffnung fest auf Mund und Nase. Danach helfen Sie mitreisenden Kindern“, und anderen Hilfsbedürftigen, möchte ich hinzufügen. Heißt im Klartext: Ich kann anderen nur dann helfen, wenn ich nicht (mehr) gefährdet bin, beziehungsweise nicht mehr Druck auf mich ausgeübt wird, als ich schultern kann. Denn wenn ich ausfalle, dann hat das Folgen: Auf die um mich herum und das Gleichgewicht in der Mitte.

Die Mitte ist so gesehen ein toller Ort, denn die Mitte ist auch das Zentrum. Es lässt sich in alle Richtungen blicken. Hier läuft alles zusammen. Wenn also jeder ein bisschen mehr in die Mitte rückt, dann gibt es weniger Angriffsfläche. Das Boot kentert auch in unruhigem Fahrwasser nicht bei jeder kleinen Untiefe. Und gemeinsam an einem Strang ziehen lässt sich in jedem Alter, ist absolut kein Privileg der Generation Mitte, denn die an den Rändern gehörten selbst einmal dazu oder werden es zukünftig. Und aus der Mitte heraus können ganz viele wunderbare Dinge entstehen. Dazu muss man nur einmal in sich selbst hineinhorchen. Nicht nur an Geburtstagen und anderen schicksalsträchtigen Momenten.

Zeitreisen in die Gegenwart: Brettspiel für Götter

„Wer entscheidet das eigentlich alles?“, meint meine Freundin. Nein, sie meint nicht die Maßnahmen und Verordnungen und Gebote und Richtlinien, welche uns seit Monaten begleiten und bestimmen. Sie meint das Leben und dessen Verlauf an sich. Ja, wer entscheidet eigentlich, ob man dick oder dünn, groß oder klein, blond oder braun, reich oder arm usw. ist? Und wer entscheidet, ob man vom Pech verfolgt wird oder eine Glücksträhne nach der anderen hat?

Es ist doch, wenn man mal die Biologie und andere rationale sowie wissenschaftliche Begründungen außer Acht lässt, die immer wiederkehrende Frage nach dem Sinn und dem, was wir mit unserem Verstand und unseren Sinnen nicht fassen können, oder hin und wieder auch einfach nicht wollen. Das, was der eine das Göttliche, der andere das Schicksal, der nächste Karma nennt.

Zu schön und tröstlich aber auch der Gedanke, dass es da etwas geben könnte, auf das wir einfach keinen Einfluss haben, das weder durch unsere Gene, Kultur und Herkunft noch Erziehung bestimmt ist und das sich von unseren vielen großen und kleinen Taten nicht am der Lauf der Dinge hindern lässt. Ein Spielbrett, von fremder Hand die Figuren geführt. Vorwärtsrücken, im Kreis laufen und dann wieder auf Anfang zurück geschmissen werden. Der Spruch „Der Mensch denkt, Gott lenkt“, mag einem dazu einfallen.

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Krisenzeiten eignen sich ganz besonders, sich den Status einer Marionette überzustülpen. Macht- und tatenlos begegnen wir dem, was uns die Sprache verschlägt. Zu übergroß die Dimension, zu gewaltig die übermenschlichen Gegenspieler.

Dann erscheint es uns, zumindest kurzzeitig, leichter, unser Leben als etwas zu betrachten, das nicht wir in der Hand haben, sondern für uns gehandhabt wird. Die Sehnsucht nach dem paradiesischen Urzustand, in dem wir sorgen-, aber eben auch unfrei umherwandeln. Wer sich gern so sieht, sollte dabei nicht außer Acht lassen, dass uns allerdings auch erst die Selbsterkenntnis befähigt, uns weiterzuentwickeln.

Und so ist letztlich die Vorstellung, dass irgendwann wer auch immer entschieden hat, dass wir Menschen nicht weiterhin im infantilen und primitiven Zustand des Paradieses als Spielfigur im Brettspiel der Götter auftreten, sondern agieren und Verantwortung übernehmen, mehr als ein Gewinn. Schließlich schmeckt auch der sauerste Apfel süß, wenn er uns auf dem Spielfeld des Lebens die Augen öffnet und uns vorrücken lässt. Denn wir können mehr. Wir sind mehr.

Ein Gedankenspiel mit der besten Freundin hilft natürlich auch in so mancher Krise.

P.S.: Liebste Freundin, alles erdenklich Gute zum Geburtstag. Wir machen einfach da weiter, wo wir aufgehört haben.

Zeitreisen in die Gegenwart: Der Herzschlag-Wecker

Sicher bin ich mir nicht, aber die ersten Augenblicke eines neuen Morgens sind sicherlich etwas sehr Individuelles und Persönliches, ja sogar Intimes. Rituale spielen dabei und im Leben überhaupt eine große Rolle, geben uns Halt, Richtung und sind auch Routinen, die wir nicht immerzu und ständig neu erlernen müssen. So kostet jede Veränderung Energie, Kraft und je nach Dauer und Intensität auch Nerven. Besonders, wenn man selbst wenig bis gar keinen Einfluss auf diese hat.

Und ich weiß, wovon ich rede, denn mein Badezimmer wird renoviert. Und das nun schon seit vier Monaten. Und nein, ich habe kein Dixi-Klo im Vorgarten und wasche mich nicht notgedrungen, weil Badeanstalten und Wellnesstempel (mal wieder) geschlossen sind, an der Spüle. Ich schwelge im Luxus, ein zweites Badezimmer zu besitzen, auch wenn es vom Ursprungsgedanken her das des jugendlichen Mitbewohners ist.

Über was ich allerdings nicht verfüge, ist ein zweites Schlafzimmer. Leider. Meines ist nämlich aufgrund der baulichen Gegebenheiten derart mit dem Badezimmer verbunden, dass es eben während der Umbaumaßnahmen nicht nutzbar ist. Großes Leiden geht damit einher. Allseitiges wohlgemerkt.

Inzwischen betreibe ich so etwas wie Camping in der eigenen Wohnung. Mal schlafe ich auf der Couch, dann im Büro/Gästezimmer auf dem 70cm breiten Futonbett, oder ich nächtige ebenerdig auf einer aus allen Decken, die mein Haushalt so hergibt, konstruierten Bettstatt. Das ist einerseits ganz schön, weil man so immer eine andere und wechselnde Perspektive hat, andererseits aber sich allmorgendlich erst einmal sortieren und fragen muss, wo man gerade ist, wie man dorthin gelangt ist und wann der Spuk endlich vorbei ist. Der Stresslevel ist ergo schon vor dem eigentlichen Morgen auf der Beschleunigungsspur, zumindest bei mir.

Und was diesen dann noch zusätzlich verstärkt, ist die Tatsache, dass ich auf meinen geliebten Radiowecker verzichten muss. Also, eigentlich ist es eher eine Hassliebe, wenn man so will, denn zum einen leuchtet das Display zu nachtschlafender Zeit dermaßen hell, dass ich immer ein Tuch darüberlegen muss, damit auch tatsächlich so etwas wie Dunkelheit herrscht. Dann lässt sich natürlich die Uhrzeit nicht mehr ablesen, aber das ist sowieso so eine Sache, denn, und das wäre der Punkt „zum anderen“, der – Achtung – Funkwecker geht falsch. Also, gehen tut er natürlich nicht, aber die Zeit wird falsch angezeigt. Und zwar mit zunehmendem Alter, also das des Weckers, meines ist ein anderes Thema, gleichermaßen zunehmend. Mittlerweile sind so im Laufe der Jahre fast vierzig Minuten zustande gekommen, die der Wecker seiner Zeit voraus ist. Und, ja, richtig gelesen, es ist ein Funkwecker. Ich weiß, das erscheint unlogisch, unplausibel und total unmöglich, ist aber so. Anfangs habe ich mich noch gewehrt und nach einem Zauberknopf gesucht. Jede Menge hübscher Tasten sind vorhanden, aber eine, um die Uhrzeit einzustellen, ist nicht dabei. Macht ja auch Sinn, es ist ja ein Funkwecker, der sich nach dem Funksignal einstellt bzw. einstellen sollte. Nun, wir haben ja alle unsere Macken, warum also nicht auch ein Funkwecker, der das ihm gesendete Signal einfach ignoriert und nach seiner eigenen Zeit lebt. So gesehen eine schöne Vorstellung, nach der eigenen Zeit zu leben, unabhängig und losgelöst.img_1508

Aber zurück zum Indoor-Camping und der Herausforderung des Aufwachens in einer Wohnung, die mittlerweile mehr Baustellen- und Lagerhauscharakter hat, als my-home-is-my-castle-Eigenschaften, denn miteinhergehend mit dem nächtlichen Wanderlager verzichte ich eben auch auf den hassgeliebten Radiowecker. Ausstöpseln, Einstöpseln. Nein, noch mehr Arbeit kann ich beim besten Willen nicht brauchen. Stattdessen muss, in Ermangelung eines adäquaten Zweitweckers, das Handy herhalten.

Und auch, wenn ich zwischenzeitlich der Technik Herr geworden bin, so hat das Aufwachen mit mobilem Endgerät noch immer eher so etwas wie Feueralarmcharakter. Sanft und liebevoll aus dem Reich der Träume geholt werden, geht anders.

Und auch da weiß ich, wovon ich rede, denn wenn der Wecker an meiner Seite, der mein Herz immer mal wieder aus dem Takt bringt, mich guten-morgen-küsst, dann ist das ein von Routine weit entferntes Ritual und der perfekte Start in jeden noch so nervenaufreibenden Tag. Danke.