Das Sammelsurium

„Es ist ganz schön still hier.“ Der Geliebte schaut mich eindringlich an. Er meint den Blog. „Ich muss mich erst sammeln“, entgegne ich und weiß doch, die grenzenlose Sprachlosigkeit meiner Seele erschlägt mich schier.

Aber eigentlich sammele ich unentwegt. Ganz ungewollt: Feiertage, Alltage, Geburtstage, Jahrestage, Abschiede ohne Worte, Warteschlangen, Behördengänge, Telefonate, Beschwerden, Gebrechen, Albträume, Pannen, Wunden, Unfälle, graue Haare, Luftschlösser, Pläne, Hoffnungen, Beschränkungen, Scherben, Tränen, Trübsal, blaue Flecken, Illusionen, Fragmente, Abgabetermine, Onlineendlosschleifen.

Nichts scheint an mir vorüberzuziehen. Dabei erinnere ich mich nicht, „hier“ gerufen zu haben. Ein ganzes Sammelsurium für mehr als eine Krise. Eine wabernde Masse ohne Umrisse und Grenzen.

Die Seele, mittlerweile so rissig und dünn wie die Haut an meinen Händen vom permanenten Waschen und Reinigen und Schrubben. Blau und wund gescheuert. Steif und taub. Es gibt Tage, da gehe ich mit Gedanken schlafen und wache mit Sorgen auf. Dunkle Tage, wie sie eine Freundin nennt.

Scherben

Unlängst schaltete sich aus unerklärlichen Gründen während eines Telefonats unbemerkt der Anrufbeantworter mit ein und verkündete dann mittendrin „Sie haben die maximale Aufnahmedauer erreicht“, was im Gespräch für viel Gelächter und Spekulationsstoff sorgte.

Wie gern würde ich das dem Leben auch einmal zurufen. Oder ihm den Einhornstift reichen, den mir eine liebe Freundin vor kurzem schenkte und zugleich vielwissend hinzufügte: „Mit dem kann man Fehler ausradieren“.

Ja, es ist ein sogenanntes Jammern auf hohem Niveau. Und ja, es ist ein privilegiertes Leben, das ich führe. Aber…, ich kann es auch nur von meiner Warte aus sehen. Meine Perspektive ist der Ausgangspunkt.

In meinem Elternhaus hing im Treppenhaus ein Bild eines Kindes. Verdreckt mit zerschlissenen Kleidern und verfilzten Haaren. Hungrig die Finger ableckend. Irgendwo in einem dieser unzähligen Elendsviertel der Welt. Mein Vater deutete des Öfteren auf die Aufnahme, wenn ich am Essen etwas auszusetzen hatte oder seiner Meinung nach übergroße Ansprüche an den Tag legte. „Andere Kinder hungern“, war der Beginn seiner Rede, die mich auf den Boden der Tatsachen bringen sollte. Und immer dachte ich: Ja, ich verstehe das, aber das bin nicht ich. Ich bin hier und will einfach nur gesehen werden.

Und heute? Ich erinnere mich an meine 2018 entworfene Sechs-Wort-Geschichte und die entsprechende Bestandsaufnahme, dass ich irgendwie irgendwo den Anschluss verpasst habe. Der ungewisse Ausgang bleibt, auch wenn der Seelenanker mich fest in seinen Armen hält und mir leise ins Ohr flüstert. Meine Seele ein Sammelbecken für die damit einhergehende Stille.

Zeitreisen in die Gegenwart: Von Grenzgängern und Grenzpendlern

Die Entfernung, die wir von Dingen oder Menschen empfinden, richtet sich nach dem Verhältnis zu ihnen und den damit verbundenen Emotionen. Der Zahnarztbesuch, auch wenn dieser noch Wochen hin ist, liegt mir schon jetzt im Magen, aber das Wiedersehen mit dem Geliebten ist gefühlt Ewigkeiten entfernt, während gleichzeitig das letzte Treffen bereits eine Unendlichkeit in der Vergangenheit zu liegen scheint. Auch wenn zwischen beidem nur eine Woche liegt. Gefühle haben eben ihre ganz eigene Zeitrechnung. Und sie lassen sich weder begrenzen, noch durch Grenzen bestimmen. Nicht umsonst spricht man von grenzenloser Liebe.

Das mit der Entfernung zu dem Geliebten und den Emotionen, die jede Trennung begleiten, liegt eben daran, dass ich, wie der Name schon sagt, den Geliebten liebe und meinen Zahnarzt eher nicht. Im Normalfall jedenfalls. So eine Sehnsuchtsliebe ist aufregend und immer auch wieder ein bisschen wie neu verlieben. Ständig hüpft man mit den Gedanken zwischen den Erinnerungen an das letzte Mal und der Vorfreude auf das nächste Zusammensein umher. Wehmut und Bauchkribbeln lösen sich nahtlos miteinander ab. Mit einem Teil des Herzens fühlt man den Küssen und Umarmungen nach, während der andere Teil die Wärme und Zärtlichkeit des nächsten Treffens förmlich schon spüren kann. Das Gefühlspendel schwingt dabei mühelos zwischen hin und her und kommt doch niemals an. Jeder Schritt, weg von der Vergangenheit, ist auch ein Schritt in die Zukunft.

Dabei vergisst man, dass es noch ein Dazwischen gibt. Leider. Denn nur auf der Grenze zwischen dem Gestern und Heute sind wir ganz. Ganz bei uns. Ganz wir selbst. Und auch ganz mit uns.

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Zeitreisen in die Gegenwart: Dinge, die das Leben besser machen

Angeblich kann man, wenn man küsst, die Zeit anhalten. Und wer sich schon mal beim Küssen hat fallen lassen, weiß um die Verzauberung der Zeit, die damit einhergeht. Das Universum dehnt und streckt sich, um allen Gefühlen Platz zu machen und nichts kann Sorgen, Ängste und das Gedankenkarussell so unmittelbar mundtot machen wie ein einziger Kuss. Eine Reise in die Unendlichkeit, die nur im Hier und Jetzt möglich ist.

From „How to stop time” by Matt Haig: “A kiss […] is like music. It stops time […] If you feel for someone, just one single kiss can stop the sparrows, they say.”

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Das Ende kommt unweigerlich, wenn ich wieder mit mir allein bin. Der Geliebte, augenscheinlich Lichtjahre entfernt. Plötzlich ist die Welt ganz nah. Zu nah.

Der Geist nicht in der Lage, der Gegenwart Herr zu werden. Der Körper taub von der Anstrengung, wieder mit der Zeit zu gehen. Die Seele, aus der Zeit gefallen, kämpft sich zurück. Das Herz, konzentriert auf den eigenen Rhythmus, um nicht aus dem Takt zu kommen. Mitunter brauche ich Stunden, um dem Alltag wieder entgegen zu treten und ihn in mein Leben zu lassen.

Die Zeit wieder in Gang zu setzen verlangt einem weitaus mehr ab als diese anzuhalten. Ein erschöpfender Kraftakt, gleich einer Metamorphose. Jeder Atemzug eine Qual, so als ob man erstmals seine Lungen mit Luft füllen würde.

Die Liebe gehört eindeutig zu den Dingen, die das Leben besser machen. Derzeit umso mehr. Küss mich doch noch mal, bitte.

“Love is where you find meaning […]. That’s the thing with time […] It’s not all the same. Some days – some years – some decades – are empty. There is nothing to them. It’s just flat water. And then you come across a year, or even a day, or an afternoon. And it is everything. It is the whole thing.“

Zeitreisen in die Gegenwart: Die Mitte

Als ich einem Kollegen vor ein paar Tagen zum Geburtstag gratulierte, hat er sich natürlich bedankt und dann meinte er: „Wieder ein Jahr…wenigstens muss man nichts können zum Alt werden.“ Da musste ich schmunzeln. Stimmt, alt wird man/frau von allein. Und dann dachte ich: Hm, also tun muss man nichts, aber nichts können? Da bin ich mir nicht so sicher.

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Als Angehörige der Generation Mitte muss ich eine ganze Menge können, schließlich bin ich das Rückgrat der Gesellschaft und erwirtschafte über 80 Prozent der steuerpflichtigen Einkünfte wie ich unlängst in einem Bericht des Tagesspiegels lesen durfte. Also nicht ich allein, sondern wir alle, die sich da so in der Mitte tummeln.

Die Mitte ist grundsätzlich ja eher nicht so der beliebteste Ort. Weder beim Betreten des Aufzuges noch beim Erfolg. Individuell ist sie auch nicht und irgendwie hat es was von Enge und Sardinenbox. Mitte klingt auch ein bisschen nach mittelmäßig. Angepasst und konform und eigentlich mit allem, was einen „guten“ Deutschen charakterisiert und ebenso auch glatt wie langweilig macht. Wo wir doch alle immerzu auf der Suche nach dem Ich, dem Herausragen und unserer Einzigartigkeit sind. Am besten ganz oben. Da, wo es einsam und rau und heroisch zugeht.

Gleichzeitig ist die Mitte aber auch ein sicherer Ort. Man läuft nicht Gefahr, am Rand abzustürzen, den Anschluss zu verpassen. Im Tierreich sind die Außenseiter meist immer diejenigen, die zuerst gefressen werden und es bei der Partnerwahl schwerer haben. Angepasst sein führt in dem Fall zu einer höheren Überlebenschance und Akzeptanz. Der Einzelgänger muss weitaus mehr Energie und Kraft aufbringen und mehr Risiken eingehen.

Der eine oder andere mag sich, wenn auch dunkel, an die Sicherheitshinweise beim Fliegen erinnern: „Sollte der Druck in der Kabine sinken, fallen automatisch Sauerstoffmasken aus der Kabinendecke. In diesem Fall ziehen Sie eine der Masken ganz zu sich heran und drücken Sie die Öffnung fest auf Mund und Nase. Danach helfen Sie mitreisenden Kindern“, und anderen Hilfsbedürftigen, möchte ich hinzufügen. Heißt im Klartext: Ich kann anderen nur dann helfen, wenn ich nicht (mehr) gefährdet bin, beziehungsweise nicht mehr Druck auf mich ausgeübt wird, als ich schultern kann. Denn wenn ich ausfalle, dann hat das Folgen: Auf die um mich herum und das Gleichgewicht in der Mitte.

Die Mitte ist so gesehen ein toller Ort, denn die Mitte ist auch das Zentrum. Es lässt sich in alle Richtungen blicken. Hier läuft alles zusammen. Wenn also jeder ein bisschen mehr in die Mitte rückt, dann gibt es weniger Angriffsfläche. Das Boot kentert auch in unruhigem Fahrwasser nicht bei jeder kleinen Untiefe. Und gemeinsam an einem Strang ziehen lässt sich in jedem Alter, ist absolut kein Privileg der Generation Mitte, denn die an den Rändern gehörten selbst einmal dazu oder werden es zukünftig. Und aus der Mitte heraus können ganz viele wunderbare Dinge entstehen. Dazu muss man nur einmal in sich selbst hineinhorchen. Nicht nur an Geburtstagen und anderen schicksalsträchtigen Momenten.

Zeitreisen in die Gegenwart: Brettspiel für Götter

„Wer entscheidet das eigentlich alles?“, meint meine Freundin. Nein, sie meint nicht die Maßnahmen und Verordnungen und Gebote und Richtlinien, welche uns seit Monaten begleiten und bestimmen. Sie meint das Leben und dessen Verlauf an sich. Ja, wer entscheidet eigentlich, ob man dick oder dünn, groß oder klein, blond oder braun, reich oder arm usw. ist? Und wer entscheidet, ob man vom Pech verfolgt wird oder eine Glücksträhne nach der anderen hat?

Es ist doch, wenn man mal die Biologie und andere rationale sowie wissenschaftliche Begründungen außer Acht lässt, die immer wiederkehrende Frage nach dem Sinn und dem, was wir mit unserem Verstand und unseren Sinnen nicht fassen können, oder hin und wieder auch einfach nicht wollen. Das, was der eine das Göttliche, der andere das Schicksal, der nächste Karma nennt.

Zu schön und tröstlich aber auch der Gedanke, dass es da etwas geben könnte, auf das wir einfach keinen Einfluss haben, das weder durch unsere Gene, Kultur und Herkunft noch Erziehung bestimmt ist und das sich von unseren vielen großen und kleinen Taten nicht am der Lauf der Dinge hindern lässt. Ein Spielbrett, von fremder Hand die Figuren geführt. Vorwärtsrücken, im Kreis laufen und dann wieder auf Anfang zurück geschmissen werden. Der Spruch „Der Mensch denkt, Gott lenkt“, mag einem dazu einfallen.

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Krisenzeiten eignen sich ganz besonders, sich den Status einer Marionette überzustülpen. Macht- und tatenlos begegnen wir dem, was uns die Sprache verschlägt. Zu übergroß die Dimension, zu gewaltig die übermenschlichen Gegenspieler.

Dann erscheint es uns, zumindest kurzzeitig, leichter, unser Leben als etwas zu betrachten, das nicht wir in der Hand haben, sondern für uns gehandhabt wird. Die Sehnsucht nach dem paradiesischen Urzustand, in dem wir sorgen-, aber eben auch unfrei umherwandeln. Wer sich gern so sieht, sollte dabei nicht außer Acht lassen, dass uns allerdings auch erst die Selbsterkenntnis befähigt, uns weiterzuentwickeln.

Und so ist letztlich die Vorstellung, dass irgendwann wer auch immer entschieden hat, dass wir Menschen nicht weiterhin im infantilen und primitiven Zustand des Paradieses als Spielfigur im Brettspiel der Götter auftreten, sondern agieren und Verantwortung übernehmen, mehr als ein Gewinn. Schließlich schmeckt auch der sauerste Apfel süß, wenn er uns auf dem Spielfeld des Lebens die Augen öffnet und uns vorrücken lässt. Denn wir können mehr. Wir sind mehr.

Ein Gedankenspiel mit der besten Freundin hilft natürlich auch in so mancher Krise.

P.S.: Liebste Freundin, alles erdenklich Gute zum Geburtstag. Wir machen einfach da weiter, wo wir aufgehört haben.

Zeitreisen in die Gegenwart: Der Herzschlag-Wecker

Sicher bin ich mir nicht, aber die ersten Augenblicke eines neuen Morgens sind sicherlich etwas sehr Individuelles und Persönliches, ja sogar Intimes. Rituale spielen dabei und im Leben überhaupt eine große Rolle, geben uns Halt, Richtung und sind auch Routinen, die wir nicht immerzu und ständig neu erlernen müssen. So kostet jede Veränderung Energie, Kraft und je nach Dauer und Intensität auch Nerven. Besonders, wenn man selbst wenig bis gar keinen Einfluss auf diese hat.

Und ich weiß, wovon ich rede, denn mein Badezimmer wird renoviert. Und das nun schon seit vier Monaten. Und nein, ich habe kein Dixi-Klo im Vorgarten und wasche mich nicht notgedrungen, weil Badeanstalten und Wellnesstempel (mal wieder) geschlossen sind, an der Spüle. Ich schwelge im Luxus, ein zweites Badezimmer zu besitzen, auch wenn es vom Ursprungsgedanken her das des jugendlichen Mitbewohners ist.

Über was ich allerdings nicht verfüge, ist ein zweites Schlafzimmer. Leider. Meines ist nämlich aufgrund der baulichen Gegebenheiten derart mit dem Badezimmer verbunden, dass es eben während der Umbaumaßnahmen nicht nutzbar ist. Großes Leiden geht damit einher. Allseitiges wohlgemerkt.

Inzwischen betreibe ich so etwas wie Camping in der eigenen Wohnung. Mal schlafe ich auf der Couch, dann im Büro/Gästezimmer auf dem 70cm breiten Futonbett, oder ich nächtige ebenerdig auf einer aus allen Decken, die mein Haushalt so hergibt, konstruierten Bettstatt. Das ist einerseits ganz schön, weil man so immer eine andere und wechselnde Perspektive hat, andererseits aber sich allmorgendlich erst einmal sortieren und fragen muss, wo man gerade ist, wie man dorthin gelangt ist und wann der Spuk endlich vorbei ist. Der Stresslevel ist ergo schon vor dem eigentlichen Morgen auf der Beschleunigungsspur, zumindest bei mir.

Und was diesen dann noch zusätzlich verstärkt, ist die Tatsache, dass ich auf meinen geliebten Radiowecker verzichten muss. Also, eigentlich ist es eher eine Hassliebe, wenn man so will, denn zum einen leuchtet das Display zu nachtschlafender Zeit dermaßen hell, dass ich immer ein Tuch darüberlegen muss, damit auch tatsächlich so etwas wie Dunkelheit herrscht. Dann lässt sich natürlich die Uhrzeit nicht mehr ablesen, aber das ist sowieso so eine Sache, denn, und das wäre der Punkt „zum anderen“, der – Achtung – Funkwecker geht falsch. Also, gehen tut er natürlich nicht, aber die Zeit wird falsch angezeigt. Und zwar mit zunehmendem Alter, also das des Weckers, meines ist ein anderes Thema, gleichermaßen zunehmend. Mittlerweile sind so im Laufe der Jahre fast vierzig Minuten zustande gekommen, die der Wecker seiner Zeit voraus ist. Und, ja, richtig gelesen, es ist ein Funkwecker. Ich weiß, das erscheint unlogisch, unplausibel und total unmöglich, ist aber so. Anfangs habe ich mich noch gewehrt und nach einem Zauberknopf gesucht. Jede Menge hübscher Tasten sind vorhanden, aber eine, um die Uhrzeit einzustellen, ist nicht dabei. Macht ja auch Sinn, es ist ja ein Funkwecker, der sich nach dem Funksignal einstellt bzw. einstellen sollte. Nun, wir haben ja alle unsere Macken, warum also nicht auch ein Funkwecker, der das ihm gesendete Signal einfach ignoriert und nach seiner eigenen Zeit lebt. So gesehen eine schöne Vorstellung, nach der eigenen Zeit zu leben, unabhängig und losgelöst.img_1508

Aber zurück zum Indoor-Camping und der Herausforderung des Aufwachens in einer Wohnung, die mittlerweile mehr Baustellen- und Lagerhauscharakter hat, als my-home-is-my-castle-Eigenschaften, denn miteinhergehend mit dem nächtlichen Wanderlager verzichte ich eben auch auf den hassgeliebten Radiowecker. Ausstöpseln, Einstöpseln. Nein, noch mehr Arbeit kann ich beim besten Willen nicht brauchen. Stattdessen muss, in Ermangelung eines adäquaten Zweitweckers, das Handy herhalten.

Und auch, wenn ich zwischenzeitlich der Technik Herr geworden bin, so hat das Aufwachen mit mobilem Endgerät noch immer eher so etwas wie Feueralarmcharakter. Sanft und liebevoll aus dem Reich der Träume geholt werden, geht anders.

Und auch da weiß ich, wovon ich rede, denn wenn der Wecker an meiner Seite, der mein Herz immer mal wieder aus dem Takt bringt, mich guten-morgen-küsst, dann ist das ein von Routine weit entferntes Ritual und der perfekte Start in jeden noch so nervenaufreibenden Tag. Danke.

Zeitreisen in die Gegenwart: Codename Titanic

Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“, so heißt es bei Jürgen Markus. Und manchmal ist das neue Leben sogar so neu, dass es einen selbst und alles Bisherige gehörig durcheinander würfelt. Viel Unsicherheit und manches Zögern geht damit einher. Beiderseitiges. Kopfmenschen mit hypersensiblen Antennen wie meiner einer wissen, wovon ich rede.

Statt Rückenwind, der einen von einer Wolke sieben zur nächsten trägt, steht man so manches Mal im Auge des Orkans. Unlängst hat mich das zu der Aussage veranlasst, dass ich mir in solchen Zeiten einfach vorstelle, ich wäre die Rose aus „Titanic“ und würde vorn am Bug des Schiffes stehen. Der Geliebte als Halt, Anker und Augenöffner hinter mir.

Die Romantik dieser Szene reicht dann bis zu dem Gedanken an die Zukunft, wenn einem klar wird, dass es statt Happy End zur Katastrophe kommt. Zumindest im Film. Vorerst. Denn noch sind wir eher wie zwei Planeten, die sich umkreisen, gleichzeitig gleichermaßen zu einander hingezogen wie von der eigenen Masse auf der zugehörigen Umlaufbahn fixiert. Und dann versuchen Zweifel wie Gewichte sich an mich zu hängen und ich frage mich, ob ich nicht nur als Wind- und Wellenbrecher an erster Stelle stehe denn als geliebtes Wesen.

Die Angst vor dem Schiffbruch ein ständiger Begleiter und so rufe ich dem Geliebten das Codewort Titanic zu, wann immer der Sturm in mir tobt, damit er weiß, dass ich kurz vor dem Untergang bin.

Zeitreisen in die Gegenwart: Junge Liebe in Krisenzeiten

Flügel sind ja etwas sehr Schönes, außer man ist Daidalos, der Vater von Ikarus. Oder Ikarus selbst. Und wo wir schon mal bei der Annäherung an zu heiße Themen sind, was ist eigentlich mit der Mutter von Ikarus? Genau, ich habe keine einzige Silbe über diese gefunden. Ob das nun ein gutes oder schlechtes Zeichen ist und sie das ganze Unheil nicht miterleben musste, sei dahingestellt, aber wenn der Nachwuchs im wahrsten Sinne des Wortes flügge wird, dann sind Mütter nach wie vor der Fels in der Brandung. Nur bei ruhiger See kommen sie in den Heldensagen eher nicht vor.

Die aktuelle Krise hinterlässt vor allem bei Kindern, auch wenn diese schon fast erwachsen sind, deutliche Spuren. Und auch, wenn der Jugend von heute nachgesagt wird, dass sie ihr Leben in den hellen und dunklen Weiten des Internets verbringt, so hat sich 2020 ganz klar gezeigt, dass dies mitnichten der ganzen Wahrheit entspricht. Freunde sind unerlässliche Weggefährten auf dem Weg zu den Sternen und der eigenen Flugbahn. Umso mehr, wenn die Zeiten düster sind.

Erst acht Wochen lang keine Schule und in unserem Fall nur ganze zwei Mal eine virtuelle Stunde, ansonsten herrschte im schulischen Kosmos absolute Dunkelheit. Sonnenfinsternis. Dann ein paar Wochen Blockunterricht, bei zwar keiner totalen, aber doch partiellen, sehr hartnäckigen Sonnenfinsternis. Zum Glück für die gestressten Lehrer und Schüler kamen dann die Sommerferien. Sechs Wochen lang so etwas wie Leben bei voller Beleuchtung, doch schon vier Wochen nach Schulstart dann wieder Blockunterricht. Und immer drohte die erneute Schließung und/oder der unmittelbare Kometeneinschlag in Form nur eines einzigen Falles. Ich schätze, Damokles saß weitaus entspannter auf seinem Thron, als der jugendliche Mitbewohner auf seinem Stuhl im Klassenzimmer bei Durchzug und Minusgraden. Ist aber eine andere Geschichte.

Im Grunde war es letzten Endes nur eine Frage der Zeit. Eine Wahrscheinlichkeitsberechnung, die auch schon Daidalos angestellt haben mag. Nicht zum Spaß hatte er dem ungestümen Sprössling eindringlich zugeredet. Doch auch schon zu Ovids Zeiten hatte die Jugend ihren eigenen Kopf und eben den unbändigen Drang nach Leben und Freiheit. Wenn dann noch die Liebe hinzukommt, dann scheint der Feuerball am Firmament doppelt so heiß. So nach und nach verabschiedeten sich um uns bzw. das Schulkind herum mal die, mal jene Klasse, mal der Jahrgang und nun also die gesamte eigene Jahrgangsstufe. Vierzehn Tage Quarantäne für alle. Als Mutter ist die Krise auch eine, die einen von mehreren Seiten trifft. Wie Sonnenstürme, die ohne Vorwarnung losbrechen und das häusliche Universum in Ungleichgewicht bringen. Und so kam es dann.

Mami, ich habe gerade mit meiner Freundin telefoniert. Und sie hat, ungelogen, am Telefon geweint. Eine Stunde lang. Was soll ich denn jetzt machen?“ Achtung, denke ich, jetzt bloß nichts Falsches sagen und dann denke ich: Herrlich, so eine junge, romantische erste Liebe.
Sie ist halt traurig“, setze ich vorsichtig an.
„Ja, alle ihre Freunde sind jetzt in Quarantäne.“
„Dann schreib ihr doch einen Brief. Oder eine Karte. Oder wir schicken ihr was. Das bringe ich dann zur Post.“
„Hm.“ Ok, streng Dich an, Mutter, der Nachwuchs scheint selbst schon bei der Aussicht auf vierzehn Tage verordneten Hausarrest, den vom Frühjahr dabei kaum verdaut, in Depressionen zu verfallen.
„Komm‘, wir schicken ihr einfach die Kuscheldecke, die Du als Weihnachtsgeschenk für sie hast. Besser, wir bringen sie ihr vorbei.“
„Aber was schenke ich ihr denn dann? Das war das perfekte Geschenk.“
„Da finden wir schon was.“
„Aber die anderen Sachen sind alle so teuer.“ Oh, jetzt wird es interessant, die Herzdame hat offensichtlich einen ausgewählten Geschmack, was ja auch schon ihre Wahl des Herzbuben eindeutig beweist. Mutterstolz.
„Was wünscht sie sich denn sonst noch so?“
„Wart, ich habe das eine Liste.“
„Eine Liste?“
„Ja, immer wenn sie was gesagt hat, was ihr gefällt, habe ich das aufgeschrieben.“ Ich glaube, ich muss mich setzten. Wo hat der Junge das nur her? Die Romantik dieser Aussage überfällt mich dabei fast.
„Weißt Du was, wir bringen ihr Dein Kopfkissen.“
„Oh, ja.“ Super gemacht, Mutter.

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Und so wird der Seelentröster, in Parfüm getränkt, der Angebeteten vor die Tür gestellt. Herzklopfen in dunkler Sternennacht. Junge Liebe. Hoffnung in Krisenzeiten.

Zeitreisen: Intermezzo

„Schreib doch mal wieder was Lustiges“, bat mich unlängst meine Freundin. Und recht hat sie. Die Vergangenheit, zumindest meine, scheint doch recht düster, wenn ich mir die Texte der letzten Zeit nochmals so zu Gemüte führe. Allerdings ist die Gegenwart ja derzeit nicht gerade ein Ort, an dem ich, ebenso wie viele andere wohl, momentan allzu gern bin. Vielleicht wurde der Ausflug in die Vergangenheit auch deswegen zu einer Reise zu Begebenheiten, die von Schwermut und Wehmut geprägt waren, in denen Verlust in der einen oder anderen Form eine Rolle spielt.

Ja, wir haben im Laufe unseres Lebens viel zu verlieren und die Trauer darüber hat absolut ihre Berechtigung und braucht ihre Zeit. Aber: Wir sollten nicht das, was wir haben an das, was gewesen ist, verlieren.

Nun ziehe ich also die Grenze zwischen Gestern und Heute. Die Gegenwart, so hart, verunsichernd und bisweilen hoffnungslos sie auch sein mag, es ist die Zeit, in der wir alle leben.

Die Zeit selbst lässt sich schließlich anhand verschiedener Parameter betrachten. Da wäre zum einen die Kultur. Es gibt monochrome und polychrome Sichtweisen auf die Zeit. Einmal die konkrete und verlässliche Herangehensweise, an Abläufe und System gebunden. Und die andere Sicht auf die Zeit als etwas Dehnbares, was sich an Menschen und Ereignissen orientiert. Sogar eine Wertung lässt sich daraus ableiten, die den jeweiligen Komponenten ihren Stellenwert zuschreibt. Zum anderen tickt die Uhr je nach Klimazone, Industrialisierung, Bevölkerungsdichte und Wohlstand anders.

Ich finde das spannend, denn all dies bietet einem doch auch den Raum und letzten Endes die Möglichkeit, in einer eigenen, individuellen Zeit zu leben. Wie schön, dass es die Gegenwart gibt.

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